Forum Kirchenentwicklung Deutschschweiz

«Kirchenentwicklung ist kein Verwaltungsprojekt. Sie ist ein Friedensprojekt – und ein Liebesprojekt.»
Kirche nach der Pfarrei: Perspektiven für die Kirche von morgen

Rund 140 Fachpersonen trafen sich am 12. Juni 2026 zum «Ersten Forum Kirchenentwicklung Deutschschweiz» in Zürich. Eingeladen zu dem inspirierenden Austausch hatten die Pastoralabteilungen aller deutschschweizerischen Bistümer/Bistumsregionen, das SPI, das TBI und das Pastoralinstitut der Theologischen Hochschule Chur. Den beeindruckenden Schlusspunkt setzte Prof.in Klara A. Csiszar, Expertin für Synodalität.

Das Forum traf einen Nerv: Bereits lange im Voraus war die Veranstaltung ausgebucht. Die Erkenntnis, dass eine territorial, an Pfarreigrenzen orientierte Pastoral die Lebensgewohnheiten vieler Menschen nicht mehr trifft, ist nicht neu. Weniger klar ist jedoch, wie die kirchliche Praxis auf diesen Befund reagieren kann. Die Zusammenschlüsse zu Seelsorgeverbänden, Pastoralräumen oder – auf staatskirchenrechtlicher Seite – Zweckverbänden hat vielerorts zwar Strukturen verändert, das klassische «Pfarreidenken» aber noch nicht zu überwinden vermocht. So spiegelt das hohe Engagement von Seelsorgeteams und Kirchenräten vielerorts ein «Mehr vom Selben». Verschärft wird die Situation durch das berufliche Abtreten der «Babyboomer-Generation» auch bei den Seelsorgenden sowie abnehmende finanzielle Mittel, v.a. wegen sinkendem Kirchensteuer-Aufkommen bei den natürlichen Personen.

Welche Perspektive gibt es für die Kirche nach der Pfarrei?

Angesichts dieser Herausforderungen durchbrach das Forum von Beginn an klassische Erwartungen und Konzepte: Statt Einführungsvorträgen wurden die Teilnehmenden aufgefordert, sich zu verschiedenen Thesen zur Zukunft von Pfarreien zu positionieren. Später stellten drei Ateliers pastorale Projekte und Vernetzungen vor, die nur mit überregionaler Koordination und Ressourcen gelingen (Digitale Glaubenskommunikation, Mobile Palliativ Care durch geschulte Freiwillige, Grosse Exerzitien im Alltag). Drei weitere Ateliers widmeten sich Methoden, wie Transformation gefördert werden kann (Effectuation, Art of Hosting, Erprobungsräume).

Wie wird Wandel praktisch?

Das Forum arbeitete an einem «Übergang von Organisation zu Netzwerk, von Angebots- zu Beteiligungslogik, von Stabilisierung hin zu Emergenz … Kirchenentwicklung als lernender, dialogischer und experimenteller Prozess» (so formulierte es ein Teilnehmer in seinem Feedback). Dafür wurde am Nachmittag anhand von sechs realitätsnahen Fallbeispielen in «Laboratorien» danach gefragt, wie den konkreten Bedürfnissen unterschiedlicher Menschen an Glaubenskommunikation, Seelsorge, kirchlicher Beheimatung und Kultur begegnet werden kann. Die Beispiele reichten von «Beat Müller», der die kleine Kirche als kulturelles Kleinod im sprichwörtlichen Dorf behalten möchte, über «Maria-Sofia Sanchez», die als 25jährige, spanisch-/englischsprachige Expat Anschluss an eine Glaubensgemeinschaft sucht, bis zu «Rita Brändle»: Sie will als Mitglied einer ökumenischen Sozialgruppe die neue Flüchtlingsunterkunft im Dorf unterstützen. In Kleingruppen wurden konkrete «Versprechen» entwickelt, um auf die Anliegen der Menschen in den Fallbeispielen zu reagieren. Die Lösungsansätze – und die Ausweitung der Perspektive über Pfarreigrenzen hinaus – versuchten die Kleingruppen oft durch Kooperationen mit Partnerinnen und Partnern ausserhalb kirchlicher oder territorialer Strukturen zu erreichen.

Die Verbindung zwischen pastoraler Praxis und einem synodalen Lernweg

stellte Klara A. Csiszar, Professorin für Pastoraltheologie an der Kath. Universität Linz, zum Abschluss des Forums her. Die theologische Expertin bei der Weltsynode zur Synodalität verband ihre persönlichen Lernerfahrungen aus der Weltsynode mit den Eindrücken aus dem Forum und forderte zu mutigem Weitergehen auf, ohne «unten» und «oben» in der Kirche gegeneinander auszuspielen: «Subjekt der Kirchenentwicklung ist das ganze Netz aller Getauften.» Zentral sei die Unterscheidung zwischen dem (selbstbezogenen) Wunsch, als Kirche wahrgenommen zu werden und dem (auf die Menschen ausgerichteten) Wunsch, eine Kirche zu werden, die zu den Menschen geht. «Kirchenentwicklung ist kein Verwaltungsprojekt. Sie ist ein Friedensprojekt – und ein Liebesprojekt. Und Liebe beginnt immer klein – mit dem Menschen, der Ihnen morgen gegenübersteht.»

Erfreulich war, dass sich neben den zahlreichen Akteur:innen aus der Pastoral auch Vertreter:innen staatskirchenrechtlicher Gremien aktiv in die Arbeit eingebracht haben. Denn die Transformation hin zu einer «Kirche nach der Pfarrei» kann nur gelingen, wenn Perspektiven im dualen System gemeinsam entwickelt und personelle wie finanzielle Ressourcen darauf ausgerichtet werden – überregional, über die Grenzen von Kirchgemeinden und Landeskirchen hinweg.

Fortsetzung folgt – Weiterarbeit steht an

Die Veranstaltung war als «Erstes» Forum Kirchenentwicklung Deutschschweiz ausgeschrieben. Die Arbeit geht also weiter. Das Forum soll durch ein zweites, drittes ergänzt und so zur Serie, zur Veranstaltungsreihe werden – in derselben breiten Trägerschaft wie bei dieser ersten Durchführung. Denn um das «Friedens- und Liebesprojekt Kirchenentwicklung» in der Deutschschweiz voranzubringen, ist noch viel Reflexion – und praktische Einübung – notwendig.

Die Vorbereitungsgruppe: Dr. Arnd Bünker (SPI St. Gallen), Detlef Hecking (Bistum Basel), Prof. Franziskus Knoll OP (Pastoralinstitut TH Chur), Madeleine Kronig (Bistumsregion Oberwallis), Dr. Maria Lissek (TBI Zürich), Siegfried Ostermann (Bistumsregion Deutschfreiburg), Dr. Christiane Schubert (Bistum St. Gallen)

  1. Juni 2026