Streifzüge durch die Grenzbereiche von Mensch und Natur in Zeiten des Klimawandels

     

 

Wohin der menschliche Hang zur schuldhaften Verstrickung und zur Selbstermächtigung über die Natur führt, steht immerhin schon in der Genesis mehr als deutlich beschrieben: Vom falschen Baum genascht? Folge: Vertreibung aus dem Paradies, Arbeit, Geburtsschmerz. Allgemeiner menschlicher Hang zur Sündhaftigkeit (= «strukturelle Sünde»)? Folge: Überflutung der ganzen Erde, Auslöschung fast allen Lebens. Der Bau eines Wolkenkratzers in Babel? Folge: Einsturz aller Pläne, Notwendigkeit von Fremdsprachenkenntnissen.

 

Gut, das ist schlaglichtartig und theologisch stark verkürzt, aber ganz zweifellos kennen die Christinnen und Christen aus ihrem biblischen Erbe und aus ihrer Tradition zahllose Stimmen, die Gottes Schöpfung in ihrem paradiesischen Reichtum als höchst sinnvoll, erstrebenswert und einfach schön erscheinen lassen – und die umgekehrt den Menschen als ein Wesen charakterisieren, das zu gerne seine eigenen Pläne schmiedet, mit oft katastrophischen Folgen für seine Umwelt, die Natur und in der Folge sich selbst.

 

Gott in der Klimakrise

So mag es denn durchaus erstaunen, und damit kommen wir zu einer der in der Einführung herausgestellten Motivationen des Sammelbandes «Gott in der Klimakrise. Herausforderungen für Theologie und Kirche», hg. von David Plüss und Sabine Scheuter, Zürich 2021, dass diese religiösen Ressourcen und damit in Verbindung stehenden Begrifflichkeiten wie «Gott», «Schöpfung», «Paradies» in den aktuellen Debatten um die Klimakrise ausserhalb religiöser Kernkompetenzzirkel kaum noch Verwendung finden. Fehlt dadurch nicht eine wirkmächtige Stimme mit wichtigen Aussagen – und wenn ja: welche wären das? Aber bleiben wir realistisch wie die Herausgeber: dass sich heutige urbane, ökologisch interessierte Menschen der Verwendung religiös-theologischer Ressourcen befleissigen, dürfte in der entchristlichten Gegenwart doch eher ziemlich unwahrscheinlich sein!

 

Das Ziel der Herausgeber ist denn auch ein realistisches, abgeschwächtes: «[D]arstellende, analysierende und abwägende Texte» (S. 10), immerhin sechzehn an der Zahl, beschäftigen sich zunächst im ersten Teil damit, wie sich heute ökologische Sensibilität mit Handlungsoptionen verbinden lässt. Im zweiten Teil des Buches werden drei historische Schlaglichter geworfen: von biblischen Klimakrisen spannt sich dort ein Bogen bis zur kirchlichen ökumenisch-ökologischen Arbeit der letzten 50 Jahre. Der dritte Teil versammelt orientierende theologische Positionen aus einem dezidiert interreligiösen Spektrum, während im abschliessenden Teil ökologische Initiativen von Kirchengemeinden vorgestellt werden.

 

Grüne Spiritualität

Ohne auf die Beiträge im Einzelnen einzugehen, scheinen mir einzelne Anmerkungen doch ganz sinnvoll zu sein, um die Perspektiven des Sammelbandes besser einschätzen zu können. Den Reigen zum ersten Teil des Buches eröffnet Claudia Kohli Reichenbach mit einigen sehr interessanten Beobachten zur «Grünen Spiritualität», deren Aspekte «Beschränkung, Teilen, Verzicht, Frugalität, Demut, Gemeinschaft» (S. 24) ein übergreifendes Kennzeichen gerade für die grossen religiösen Traditionen sind. Nicht zuletzt für die protestantischen Kirchen, deren Gläubige, wie die Autorin festhält, aus ihrer eher pessimistische Weltsicht eine umso stärkere ethische Option für das eigene Handeln ableiten. Dass der religiöse Überbau für die heutigen «jungen Ökobewegten» (S. 26) keine Sinnressource und Bezugsgrösse (mehr) ist, stellt für die Autorin aber keinen sonderlichen Schmerz dar: Es ist die Liebe – hier zur Natur -, die zum Handeln bewegt, und nicht das rationale Argument oder der moralische Appell.

 

Es ist die Liebe, die zum Handeln bewegt

Daran schliesst sich natürlich die interessante Frage an, wie denn diese Liebe entstehen kann, welcher Lern- und Schutzraum dafür notwendig wäre. Antworten dazu liefern indirekt die folgenden Beiträge. Für Detlef Lienau wird ein entsprechender Raum durch das Pilgern eröffnet, indem dieses die Menschen mit sich und der Natur in ein neues Zwiegespräch bringt, wie er auch mit interessanten, vielleicht ein wenig zu glatt ausgewählten Statements nachweist. Einen Raum ähnlicher, vielleicht sogar noch wirkmächtigerer Art eröffnet Christoph Gellner durch den der Literatur. Sie ist es, die dem Menschen durch ihre Sprache, durch ihre Bilder und ihre Erzählungen einen Zugang zur Natur aus literarischen Gegenwelten eröffnet – ohne Verzweckung und Nützlichkeitserwägungen. Religion fundiert letztlich diesen «Stachel» der Literatur, wenn sie das Bewusstsein wachhält, dass Dinge einen «Eigen-Sinn» (S.45) innehaben, der sie vom Menschen unabhängig sein lässt.

 

Klima – Krise

Nicht zur Sprache gekommen ist bislang ein interessanter Begriff im Titel des Sammelbandes, nämlich «Klimakrise». Krise hat die gleiche Wortherkunft wie «Kritik» im Sinne von Urteilen und bedeutet auch genau das: im Angesicht einer Situation zu einem Urteil herausgefordert sein. Unter diesem Schwerpunkt untersucht Baldassare Scolari zwei Filme und ihre Fähigkeit, diesen Entscheidungsmoment der Klimakrise intelligent zu drehen und den Zuschauern zur Aufgabe zu geben: «Wie wollt Ihr entscheiden?»

 

Spannende Einsichten zum Mit- und Gegeneinander (!) von Gott, Schöpfung und Natur vermittelt Sara Kipfer im historischen Teil des Buches, bevor Kurt Zaugg-Ott die windungsreiche Entwicklung der kirchlichen Umweltarbeit in der Schweiz nachzeichnet. Sein Fazit, das sich teilweise auch in den Schlüssen anderer Autor:innen nachvollziehen lässt: Freiwillige Selbstverpflichtungen funktionieren nur selten, theologisch ist – zumindest für ihn – schon länger klar, dass nur radikale Umkehr hilft. Ihren persönlichen theologischen Bildungsprozess durch ökofeministische Theorien beschreibt daraufhin hochspannend und mitreissend Tania Oldenhage, denn dieser eröffnete ihr neue Zugänge, um über Gott nachzudenken – und die ökologische Katastrophe nicht als ein Thema unter vielen zu begreifen, sondern als «allgegenwärtige[n], lebensbedrohliche[n] Kontext, in dem die verschiedenen sozialen Probleme unserer Zeit verstrickt sind» (S. 98).

 

Das Christentum – eine «post-apokalyptische Religion

Im dritten Teil stechen vor diesem eher pessimistischen Hintergrund besonders diejenigen Überlegungen hervor, die mit der Theologie eine ausgewiesene Hoffnungsperspektive gegen die dystopischen Erzählungen aus Fantasy-Literatur und Science-Fiction-Filmen (Ralph Kunz) oder gegen die Furcht vor apokalyptischen Katastrophen entwerfen. Nein, da das Christentum eine «post-apokalyptische Religion» (S.122) ist, sollten sich Christen laut Georg Pleiderer entlastet sehen von der «letzten Bedrohung» (S. 124) und aus der daraus entspriessenden Freiheit neue Formen der «Verzichts- und Verantwortungsbereitschaft» (ebd.) füreinander entstehen lassen. Diese Positionen spiegeln sich wieder in den darauffolgenden Stimmen aus der Ökumene, sie finden sich aber auch wieder in durchaus vergleichbarer Form in einem interreligiösen Gespräch, das Geneva Moser mit vier Expertinnen au Buddhismus, Christentum, Islam und Judentum führt.

 

Von der grauen Theorie in die bunte Praxis

Zum Abschluss des Bandes werden Beiträge präsentiert, die sich mit dem Übersprung von der grauen Theorie in die bunte Praxis beschäftigen. Hier kommen die unterschiedlichen Ebenen, auf denen Kirche heute ökologisches Handeln bilden, fördern und subventionieren kann (Esther Straubs Beitrag zu den Legislaturzielen des Zürcher Kirchenrats) ebenso zur Sprache wie Andreas Nufers Idee eines modernen Erntedankfestes an einer gemeinsamen Tafel mit Speisen, die ansonsten in den Müll gewandert wären («Foodsave-Bankett»). Fünf Best-Practices, wie die Kirche in ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ökologische Themen platzieren kann, beschreibt Jessica Stürmer-Terdenge, während Stephan Jütte danach fragt, wie die Kirchen in sozialen Netzwerken wie Instagramm oder Facebook auf ihre ökologische Arbeit und ihre Positionen aufmerksam machen müssten, um gehört zu werden – und woran es heute noch hapert. Das Schlusswort des Sammelbandes gehört Jürg Liechti, der im Beitrag «Wake up: Es brennt! Ca chauffe!» beschreibt, wie der Aufruf zum Klimaschutz zu einem wahrhaft pfingstlichen Ereignis in der Kirche und darüber hinaus werden kann.

 

Theologie in Klausur

Insgesamt gesehen ist so in den Händen der Herausgeber ein Sammelband entstanden, der thematisch sehr unterschiedliche und qualitätsvolle Beiträge versammelt. Das Vorhaben der Herausgeber, das Buch als «Klausur» zu konzipieren, in der sich die Theologie Zeit nimmt, mit ihrer eigenen Sprache und im Rahmen ihres eigenen Denkens auf die Klimakatastrophe zu antworten, ist letztlich gut eingelöst worden. Eher kritisch zu sehen ist allein die Tatsache – und das verbindet dieses Buch allerdings mit so gut wie allen Veröffentlichungen zum Klimawandel –, dass eine gebündelte Überlegung dazu fehlt, aufgrund welcher Ursachen und Auswirkungen jener als negativ zu bewerten ist. In einzelnen Beiträgen blitzen immer wieder valide Schlaglichter auf (Zerstörung menschlicher Lebensgrundlage, aus der Balance geworfene Ökosysteme …) aber ein starker Anthropozentrismus bleibt weitgehender Grundtenor der Beiträge, auch wenn er interessanterweise an einigen Stellen explizit kritisiert wird. Die «Klimakatastrophe» wird deshalb im Buch insgesamt zu einem eher undifferenzierten, «gefühlten» Gegenüber, obwohl sie doch eigentlich in jeglicher Hinsicht durch den Menschen gemacht ist: Hervorgerufen durch sein Handeln an und mit den natürlichen «Ressourcen», konstruiert aufgrund der Beobachtung seiner für ihn relevanten (!) Umwelt, auf den Begriff gebracht für vorrangig seine eigenen Zwecke und Hoffnungen. Theologisch wäre aber mit Georg Pleiderers Beitrag einiges zu kritisieren am Grundtenor vieler Klimaaktivismen: Wenn wir schon nicht in der Besten aller möglichen Welten leben, wäre es um Gottes Willen schön, wenn es zumindest bliebe, wie es ist.

 

Der grosse Garten

Dass in der Natur nichts so bleibt, wie es war, und dass es zudem immer anders kommt, als erhofft, das zeigt auf charmant-amüsant-lehrreiche Weise die Schriftstellerin Lola Randl in ihrem Buch «Der grosse Garten», erschienen bei Matthes und Seitz, Berlin 2019. Vor den Augen der Lesenden entfaltet sie hier ein prächtiges Dorfpanorama im Umland von Berlin, in dem die Protagonistin (die möglicherweise autobiographische Züge der Autorin trägt) mit ihrer Familie wohnt. Der Umzug war wohl getragen vom Wunsch, durch den Umzug aufs Land irgendwie näher an der Natur «dran» zu sein, ein «natürliches Leben» führen zu können. Doch durch die dörfliche Versuchsanordnung Randls werden schnell die Grenzen des alten Slogans «Zurück zur Natur!» deutlich. Den «Ureinwohnern» des Dorfes, die ein eher handfestes Verhältnis zur Natur pflegen, sind die ehemaligen Städter suspekt, zudem kommen diese von der nahen Stadt auch nicht los – häufige Rückfahrten in die dortige Kultursphäre und zu den dortigen Liebschaften bleiben überlebensnotwendig. Umgekehrt sind es aber erst die neuzugezogenen Städter, die das eigentliche Auge für die Naturschönheit haben und für ihren Schutz einstehen.

 

Mensch zwischen Natur und Kultur

Symbolhaften Charakter bekommt der Roman schliesslich durch den sehr gut umgesetzten Kniff, den wichtigsten handelnden Personen keine Eigennamen zu geben, sondern sie nur ihrer Funktion nach zu nennen: So lesen wir vom «Liebhaber», «der Mutter», «dem Therapeuten». Dieser Verfremdungseffekt akzentuiert noch die oft zynische Komik des Buches, und er unterstreicht vor allem auch durch die damit einhergehende Unpersönlichkeit die zweite Ebene des Buches: Dieses taugt nämlich hervorragend durch seine in die Handlung eingeflochtenen zahlreichen Gartenweisheiten und Naturbeschreibungen als Handbuch für angehende Gärtner:innen. Interessanterweise gibt es auch noch eine mehr oder weniger versteckte religiöse Tiefenschicht in den dörflichen Verwicklungen, deren Entdeckung überlasse ich aber den geneigten Leser:innen.

Mein Eindruck: Selten war es vergnüglicher und lehrreicher, etwas zum heutigen Spannungsverhältnis des Menschen zwischen Natur und Kultur zu lesen – und zu den überzeitlichen Problemen, die sich daraus für die conditio humana ergeben.

Michael Hartlieb

 

David Plüss und Sabine Scheuter (Hg.) Gott in der Klimakrise. Herausforderungen für Theologie und Kirche, Zürich: TVZ 2021

Lola Randl. Der grosse Garten, Berlin: Matthes und Seitz 2019