Theo-poetisches ABC

     

 

«Ich wollte eine Theologie entwerfen, die den Sehnsüchten der Menschen in einer Sprache von heute eine Heimat bietet unter dem Dach der Theologie. Freude und Hoffnung, Trauer und Angst sind die ersten Wörter der Pastoralkonstitution. Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, was nicht in den Christen seinen Widerhall finden könnte», resümiert der 70-jährige emeritierte Würzburger Pastoraltheologe die für ihn wichtig gewordene Verbindung von Theologie und Literatur. «Die Qualität des Christseins nach der Magna Charta des 2. Vatikanums heißt: Resonanzfähigkeit.»

 

Pastorale Resonanzfähigkeit

«Resonanz ist eine zutiefst pastorale Kompetenz. ‘Gaudium et spes’ schreibt der Kirche ins Stammbuch, dass sie resonant sein soll auf die Grundgefühle der Menschen», betont Garhammer. Von Haus aus auch Germanist und Ausrichter zahlreicher Begegnungen mit Autorinnen und Autoren ist er resonant für religiös-spirituelle und existentielle Dimensionen der zeitgenössischen Literatur.

«Eine religiöse Frage ist nur entweder Lebensfrage oder sie ist leeres Geschwätz», zitiert er Ludwig Wittgenstein. Dass die floskelhaft-klischierte Kirchensprache viel zu selten resonanzfähig ist für die existentiellen Erfahrungen und die religiös-spirituelle Suche heutiger Menschen, ist gar nicht neu.

«Ich fühle mich als Katholik fast in einer verzweifelten Stellung», führt Garhammer einen Brief Romano Guardinis vom 13. Juli 1924 an. «Immer aufs Neue kommt mir zu Bewusstsein, wieviel Grösse, Reinheit und schaffende Kraft draussen ist». «Drinnen» in der Kirche nahm er nur «abgelegte Gedanken, Kompromisstechniken», ja, «Epigonentum» wahr. «In Welt und Leben zu Hause sein und die Kraft zur Gestaltung haben: das ist eine Kurzformel seiner Theologie. Die Kraft zur Gestaltung dieser Theologie auf der Höhe der Zeit entnahm Guardini der Literatur! Literatur muss nicht immer zitiert werden und dennoch kann ihre Potenz einer Theologie inhärent sein», folgert Garhammer.

 

Poesie als Lebensstoff

Die Grundidee des gut lesbaren neuen Buchs ist so einfach wie originell: In 26 kurzen Stücken wird das Alphabet durchbuchstabiert, um sowohl elementare menschliche Erfahrungen als auch wichtige Erkenntnisse, Personen und Orte der eigenen theologisch-literarischen Biografie zu erschliessen – mit Paul Celan spricht Garhammer von «lebensspendenden Wörtern» und nennt sie «Meridiane».

So hält er im zweiten Lesestück «Bekehrung oder wie mir Literatur zur Heimat wurde» fest: «Nicht über irgendein bla, bla, sondern über das, was einen an der Gurgel packt», sollen nach Arno Geiger Schriftsteller schreiben. Reiner Kunze fasziniert Garhammer, weil für ihn «Poesie das ist, was durch mich hindurch gegangen ist und Sprache wird». «Sie haben Morbus Kitahara», erfuhr Christoph Ransmayr. «Das sind Menschen, die sich ein Loch ins eigene Auge starren, weil sie nur auf ein Problem fixiert sind. ‘Muss ich mich operieren lassen?’ Nein, Sie müssen nur Ihren Blick ändern.’»

Eine Frucht dieser Perspektivenerweiterung ist Ransmayrs Erkenntnis, «dass bei aller Kostbarkeit und allem Glanz des Zaubers der Verwandlung von etwas in Sprache, in Schrift, der ungeheuerliche und unfassbare, in den Abgründen eines grenzenlosen Raumes verlorene Rest doch – Schweigen» ist. In dieser «Sehnsucht nach Stille, nach wort-loser Präsenz» sieht Garhammer einen Hinweis, «dass Sprache in das Schweigen hinabreichen muss, um aus ihm gefüllt aufsteigen zu können».

 

Theologische Sprach- und Erzählschule

«Glauben oder wir sind Poeten, wenn wir beten», erinnert Erich Garhammer an Dorothee Sölle. «Am Grund religiöser Rede liegt nicht die Gewissheit von Aussagen, nicht die Sicherheit von Dogmen oder Bekenntnissen – nein, am Grund religiöser Rede liegt eine Ungewissheit. Ihr kommt man nur bei im Gebet», betont Garhammer mit Christian Lehnert. «Der Grundgestus religiöser Rede ist die betende, liturgische Anrufung. Darin ist das Gedicht dem Gebet ähnlich, auch das Gedicht ist in einem bestimmten Sinne immer ein staunendes Anrufen der ungewissen Welt und Wirklichkeit».

«Übersetzen oder mit Gott im Clinch» führt die Einsicht Fridolin Stiers an, «dass die Wirklichkeit Gottes sich letztlich aller Sprache entzieht und dennoch in der Gestalt des Nazareners konkrete sinnliche Gestalt angenommen hat; dies alles mündet in die von ihm als paradox begriffene Aufgabe des Theologen, dass er von dem reden muss, was sich aller Sprache entzieht, dass Gott durch seine Sprache Subjekt bleiben muss, obwohl die Sprache Gott ständig zum Objekt macht.»

«Himmel oder ein franziskanischer Sonnengesang» widmet sich Peter Handke, bei dem Garhammer «eine Sehnsucht nach dem Göttlichen mitten im Alltag» am Werk sieht. Als Theologe stimmt er ihm bei, dass es wichtig ist, «die Wirklichkeit nicht positivistisch sakral aufzuladen, sondern das Heilige als das unausgesprochen Beseelende der Wirklichkeit wahrzunehmen, nicht als pure Eindeutigkeit».

 

Garhammers Buch möchte eine «Wünschelrute» sein, selber theo-poetische Entdeckungen zu machen. Daher spielt der literaturaffine Priester und Pastoraltheologe am Ende seinen Leserinnen und Lesern die seelsorgerlich-praktische Frage zu: «Wie müsste eine Sprache aussehen, in der Achtsamkeit für das Unscheinbare, Wertschätzung für Alltägliches und die Biografien der Menschen, die Meridiane des Schmerzes und des Trostes und damit ihr Leben aufgehoben wären?»

Erich Garhammer: Meridiane aus Wörtern. Theo-poetisches ABC, 174 S., Würzburg: Echter 2021.