Schöpfungsspiritualität, Theologie und Biografie

     

 

Gerade rechtzeitig zu Beginn des ersten Lockdowns erhielt ich die Einladung, für den neuen Denkmal-Band Gott in der Klimakrise einen Literaturbeitrag zur Ökospiritualität beizusteuern. Was mir selber durch Gerhard Meier, Peter Handke, Marion Poschmann, Hans-Magnus Enzensberger, Silvio Blatter, Hansjörg Schertenleib, Ilija Trojanow, Andreas Maier und Christine Büchner wichtig wurde, verdichten David Plüss und Sabine Scheuter in ihrer Einleitung anhand eines Schlüsseltexts des Berner Pfarrerdichters Kurt Marti (1921–2017) aus dem Tschernobyl-Jahr 1986, „Gottes Eros“:

 

„Ist’s nicht ein Übermass, woran wir

Unsern Gott erkennen? Denn etwas tun, das not ist,

Liegt rein in der Natur, ist animalisch, mineralisch: aber

Perlmuttbrücken über den Regen schlagen

Und Märchenglanz über den Mond, heimliche Regenbögen

In den Schulp der Tiefeseemuscheln legen

Und den notwendigen Beischlaf zur Fortpflanzung

Zu Feuerschönheit anfachen,

Dass selbst das Unkraut sich nicht ohne Blüte mehrt“

– DAS, ja allerdings, ist heilige Verschwendung,

ist das Eros Gottes,

der weit über Zweck und Bedarf hinausgeht

und unsere geizigen Ichs ebenso beschämt

wie multinationale Gewinngier!

 

Und nun, du Liebender,

sollen Deine zarten Erfindungen, wilden Verschwendungen

bis zum bittern Ende vermarktet, vergiftet werden

und soll der Hinrichtung Deines Sohnes

auch die unserer Schwester, der Mutter Erde, folgen?

Nicht doch, nicht doch!

Zwing uns zur Umkehr,

führ uns zur Einsicht

durch die schöne Frau Weisheit,

die vor Dir spielte seit Anbeginn schon,

zu Deinem Entzücken.

 

Am Beginn zitiert Marti aus dem Gedicht „Gottes Exzesse“ von Robinson Jeffers (1887–1962), am Ende spielt er auf Sprüche 8,22-31 an, verbindet das Lob eines überschwänglich-verschwenderisch liebenden, ja, erotischen Gottes mit hellsichtig-scharfer Kritik ökologischer Missstände. Im Wissen, dass weniger apokalyptische Katastrophenangst uns zur Umkehr zu bewegen vermag als vielmehr die Wahrnehmung der Schönheit der Schöpfung, die sinnlich-spirituelle Tiefenerfahrung ihrer Weisheit, die die Erde zum einzigen Planeten des Lebens erwählte – das heisst: die Bibel ins Heute schreiben.

 

Glaube, Religion und Eros

In seinen Essays und Meditationen O Gott! aus dem Jahr 1986 bezeichnet Marti Glaube und Eros als Geschwister. Angesichts der Gefahr, die Schöpfung könne zurückgenommen, die Genesis widerrufen werden, sei ein „Aufstand der Biophilie (Lebensliebe) gegen die Nekrophilie (Todesliebe)“ erwacht, ein „Erdmatriotismus“, der auf der Lust zum Leben und der Lust des Lebens fusst.

Für den reformierten Pfarrerdichter ist Eros „ein elementarer Grundtrieb, in dem sich, wer weiss, der Triebgrund allen Lebens individuell manifestiert. Eros, der – so scheint es – nicht den Sinn des Lebens sucht, sondern in den Sinnen lebt und vielleicht gerade dadurch dem Sinn des Lebens am nächsten kommt.“ Ja, den Vernichtern der „Mutter Erde“ in den Arm zu fallen, um sie zu retten, „kann nur gelingen, wenn in unserem persönlichen Leben die Erotik gläubiger und der Glaube erotischer wird.“

 

[…] dass Pflanzen, Tiere, Menschen

dass alles, was lebt,

dazu ausersehen ist,

auf diesem Planeten

eine Vergänglichkeit lang

atmen, lieben, sich tummeln zu dürfen.

[…]

Ich stelle mir vor: auch

der Erdmatriot aus Nazareth

hätte das Wort Erwählung

nicht anders brauchen mögen.

                (Kurt Marti, Die gesellige Gottheit. 1989)

 

Späte Trouvaillen

Hannis Äpfel ist für mich die wichtigste Publikation zum 100. Geburtstag von Kurt Marti. Er hat diese Gedichte 2007 nach dem Tod seiner Frau Hanni Marti-Morgenthaler geschrieben, ihre grosse Bedeutung wie ihren einschneidenden Verlust verdeutlichen seine zu Lebzeiten veröffentlichten „Spätsätze“ (2010), das Motiv der Heiligen Vergänglichkeit begegnet auch im neuen Lyrikband:

Seitdem die täglich und nächtlich vertraute Zwiesprache aufgehört hat, schwinden mein Wortschatz und mein Ausdrucksvermögen.

Hoffentlich weiss sie nicht, wie unglücklich ich ohne sie bin.

Gibt es taugliche Witwer? Ich jedenfalls bin keiner.

Gott ist nie Ersatz, erst recht nicht für die lebenslang Geliebte.

In den Armen der Geliebten glaubte ich oft, dem grossen Geheimnis nahe zu sein.

Warum gibt’s keine erotische Theologie? Weil wissenschaftliche Denkweise und Sprache dem Thema nicht gewachsen sind? Allein, sind sie etwa dem Thema Gott gewachsen?

 

ach liebe ach lust – passé und verschütt!

Die von Guy Krneta, selbst Bühnenautor und Spoken Word Poet, aus dem Nachlass herausgegebenen Gedichte Hannis Äpfel sind ein berührendes Zeugnis einer alt gewordenen Liebe, voller „Zärtlichkeit und Schmerz“, so der Titel seiner berühmten Notizen aus dem Jahr 1979. Das gilt insbesondere für das Langgedicht „Hanni“, das er als kopiertes Typoskript seinen Kindern und Nächsten verteilt hat: „In kaum einem anderen Gedicht ist Kurt Marti so offen persönlich und zärtlich und zugänglich.“

 

Und nach wie vor erwache ich

selbst an dunkelsten Wintertagen

morgens um sieben,

zur Zeit, da ich jeweils

aus dem Pyjama und zu dir,

die flugs ebenfalls blutt war,

ins Nebenbett schlüpfte

zur Morgenstund

Mund an Mund,

zum Schlafvertreib

Leib an Leib –

bis zum schwarzen Tag,

da dich beim Morgenessen plötzlich

ein Hirnschlag halbseitig lähmte

und die Notambulanz kam

und mit dir

– für immer für immer –

vom Kuhnweg wegfuhr.

Seitdem ist dein Bett leer

und dein Stuhl am Esstisch

und dein Zimmer

und das ganze Haus.

 

„Es sind Betrachtungen eines Witwers, eines alleine zurückgebliebenen Orpheus im Alterslabyrinth von köstlichen Erinnerungen umsorgt und gleichzeitig von ihnen bedrängt, denn der Mangel, den er fühlt, ist unendlich“, charakterisiert Nora Gomringer treffend die Zeilen „des lebensmüd-hoffenden, sehnsuchtsvollen Mannes, der wie keiner Liebe und Lust im Alter beschreibt“. Der ein Leben evoziert, „das einmal aus Zweien bestand, eben aus Zweien im Alltag, im Miteinander und durch die Jahre“. Diese Zweisamkeit war die Erfahrungsbasis, der „Sitz im Leben“ von Kurt Martis erotischer Theologie:

 

Dein Grab, ach.

Die letzte Ruhestätte

(sagt man).

Zwischen Gesträuch und Gräbern

huschen Eichhörnchen

lautlos hin und her.

Mit fallen Rilkes

beiläufige Zeilen ein:

„Pour trouver Dieu

il faut être heureux.“

 

 

Christoph Gellner, Dr. theol., ist Experte für Literatur und (Welt-) Religion(en) und Mitglied der Gesellschaft zur Erforschung der Deutschschweizer Literatur G.E.D.L.

Kurt Marti: Hannis Äpfel. Gedichte aus dem Nachlass. Hrsg. v. Guy Krneta, Nachwort von Nora Gomringer, Göttingen: Wallstein 2021.

Ders., Heilige Vergänglichkeit. Spätsätze. Stuttgart: Radius 2010.

Gott in der Klimakrise. Herausforderungen für Theologie und Kirche, hrsg. v. David Plüss u. Sabine Scheuter, Zürich: TVZ 2021 (darin: Christoph Gellner, „…es reicht nicht aus, ‚Gott‘ durch ‚Gaia‘ zu ersetzen“. Ökospirituelle Diskurse in der Gegenwartsliteratur, 35–46).