SAID – der Glückliche

     

Seit mehr als 50 Jahren hat der 1947 in Teheran geborene Schriftsteller SAID (sein als Pseudonym gewählter Name heißt im Arabischen „der Glückliche“) in München „zuflucht gefunden vor zwei diktaturen, vor der diktatur des schahs und vor der von chomeini“. Es musste Aufsehen erregen, als er im Jahr 2007 eine Gedichtsammlung vorlegte, die schon im Titel Bezug nimmt auf die Psalmen der Hebräischen Bibel – der Koran und die islamische Tradition kennen etwas Vergleichbares nicht. Kaum zufällig entspricht die Zahl von SAIDS Psalmgedichten den 99 „schönsten Namen Gottes“, die im Islam beliebter Gegenstand der Meditation frommer Muslime sind; den 100. Namen kennt nur Gott allein.

 

psalmen

An der Schwelle zu seinem 60. Lebensjahr wird der deutsch-iranische Lyriker konfessorisch: „lass mich dem gott der kindertage treu bleiben / der licht und linderung spendete / und uns erhörte im niemandsland / zwischen ankunft und flucht“.

„Es sind moderne, heutige Psalmen, nicht archaisierend, sondern gegenwärtig, nicht überquellend von Bildern, sondern nach dem knappsten Ausdruck suchend, nicht elegisch mit Gott Zwiesprache haltend, sondern ihm Aug in Aug gegenübertretend“, erläutert Hans Maier diese Fortschreibung von Bibelpoesie und moderner Psalmdichtung aus muslimischem Geist.

In einem Zeitraum von über elf Jahren entstanden sind SAIDs „renitente Gebete“ als Ausdruck einer nichtkonfessionellen Spiritualität der bleibend erregbaren Suche. Nur einige Zeilen zu Verdeutlichung:

 

ich suche zuflucht bei dir

vor meinen wahrheiten

 

nur wer an dir zweifelt

sucht dich

 

lass mich beides sein

bürger und wanderer

sucher und gesuchter

denn nur suchende sehen

und nur gesuchte finden

 

sei schatten für den

der dich sieht

und sonne für den

der dich sucht

Schon im biblischen Psalmenbuch nimmt sich der Betende, der direkt zu Gott spricht, heraus, was der Lehrer, der über Gott spricht, nie wagen würde. Auf die Frage, ob der Gläubige im Islam mit Gott hadern darf, gab SAID in einem Interview mit Publik-Forum 2008 zu verstehen: „In der islamischen Mystik schon, sie kennt solche Gebete. Aber die islamische Tradition erlaubt es nicht, mit Gott zu hadern, weswegen Mystiker auch heute im Iran scharf angegriffen werden. Mystiker sind libertäre Gestalten, sie sagen: Was zwischen mir und Gott passiert, das geht euch nichts an. Der islamische Mystiker hadert genauso mit Gott wie der Psalmist und die christlichen Mystiker. Er sagt: ich brauche die Mullahs nicht, Gott ist in mir – und die Moscheen interessieren mich nicht.“

Im Echoraum von Islam, Judentum, Christentum und modernem Humanismus bitten SAIDs Psalmtexte darum, „auch die gebete der anderen“ zu vernehmen, „selbst wenn sie meine augen verletzen“. Ganz auf der Linie interreligiöser Akzeptanz und Toleranz aus der Mitte des je eigenen Glaubens, wie sie die Mystik von Judentum, Christentum und Islam kennzeichnet, fordern seine Gebetsgedichte dazu auf:

lass uns auch wahrheiten glauben schenken

die außerhalb unseres blickfeldes wachsen

 

ich jesus von nazareth

„ein barfüssiger jude, der umherzieht und von liebe erzählt“: Im März 2018 erschien im Echter-Verlag von SAID ein literarisches Jesusporträt, das den Galiläer gerade nicht als restlos Vertrauten, immer schon Bekannten zeigt. Der Form nach eine fingierte autobiografische Retrospektive, spricht sie Jesus eine lebendige Wirkkraft bis in die Gegenwart zu: „ich, jesus von nazareth, brauche keine flügel und keine jünger; ich erreiche euch auch so […] ich bin empfänglich für alle zungen. kein kopftuch, kein schleier, kein kreuz, keine haube, keine klagemauer; ich komme barfuss und benötige kein gehäuse.“

Die Auskoppelung aus SAIDs west-östlichen Betrachtungen „Das Niemandsland ist unseres“ (2010) lohnt schon deshalb, weil dieser Text der jesuanischen Tradition des Christentums hohe Wertschätzung entgegenbringt. Gut muslimisch ist „der sohn eines jüdischen handwerkers und einer jüdischen mutter“ für SAID „der gesandte gottes“, „kein gottessohn“.

Nimmt man das im Mai 2018 erschienene Buch von Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali „Abraham trifft Ibrahim. Streifzüge durch Bibel und Koran“ oder Veröffentlichungen von Navid Kermani hinzu, zeigt sich eine ganz neue interreligiöse Gesprächssituation: In „Ungläubiges Staunen“ (2015) beschreibt Kermani als gläubiger Muslim seine Faszination für die Bildwelt des Christentums, nicht zuletzt beeindruckt ihn besonders der gelebte Glaube einzelner Christen: „die Liebe, die ich bei vielen Christen“, bekennt Kermani, „wahrnehme […] geht über das Mass hinaus, auf das ein Mensch ohne Gott kommen könnte: Ihre Liebe macht keinen Unterschied.“ Etwa Franziskus von Assisi, der sich während des Fünften Kreuzzugs auf Friedensmission zum Sultan begab und von allen christlichen Heiligen dem Typus des muslimischen Gottsuchers und Gottesnarren am ehesten entspricht. Oder der italienische Jesuit und Islamwissenschaftler Paolo dall’Oglio: als muslimische Freunde ihn baten, sich für zwei Verwandte einzusetzen, die vom IS entführt worden waren, wurde er 2013 in Syrien selber von Dschihadisten entführt und vermutlich getötet.

Gewiss, der Jesus der Literaten ist nicht einfach der Christus der Bibel (dann wären poetische Neuvergegenwärtigungen überflüssig). Auch SAIDs zornigzärtliches Jesusbuch entkommt nicht der Projektionslogik, die schon Albert Schweitzer der Leben-Jesu-Belletristik seit Ernest Renans „La Vie de Jésus“ (1863) kritisch ins Stammbuch schrieb. Doch „für dieses Buch ist es gerade eine Stärke“, stellt Friederike Erichsen-Wendt im Hessischen Pfarrblatt heraus. „Eine provokante Spiritualität reformuliert sich im Duktus einer Erzählung christlicher Denk- und Glaubenstradition.“ Ihr Fazit? „Ein provozierendes Buch: nachdenkliche, spirituelle Worte. Worte, die weiterentwickelt werden wollen.“

„ich auferstehe und zertrümmere eure heiligen kartenhäuser, eure bigotterien“: Jesus ist bei SAID in der Tat nicht stillgestellt, vielmehr ruft er seine Liebe in die Welt „bis sie zum aufruhr wird und euch erfasst.“ Es geht dabei um keine harmlose Liebe: „jeden nackten leib, der nach einer umarmung strebt, werde ich segnen. ich werde der schutzengel der liebenden sein, ohne rücksicht auf eure scheinheiligkeit […] wenn ich dann eure potemkinschen dörfer zerstört habe, wird meine seele eine brücke sein zwischen euren erstarrten leibern und dem ewig fliessenden gott.“

Das ist ganz nahe dem, was SAID von sich selber sagt: „Ich übe keine Religion aus und habe auch nie eine ausgeübt. Ich habe meine Religiosität mit Mühe und Not gegen die Barbaren gerettet, die im Namen eines Gottes regieren. Aber ich glaube, dass der Mensch etwas in diese Richtung braucht. Man kann es Spiritualität, Religiosität oder wie Max Weber ‚religiöse Musikalität‘ nennen. Ein Schwingen, etwas, das in uns ist und auf etwas anderes zielt“ (Interview mit Eren Güvercin am 2. Juli 2010 für das Internetportal qantara.de, das den Dialog mit der muslimischen Welt und Kultur fördert).

 

SAID, psalmen. Mit einem Nachwort von Hans Maier, München 2007; ders., ich jesus von nazareth. Mit einem Nachwort von Erich Garhammer, Würzburg 2018.

Zum Weiterlesen: Alfred Bodenheimer/Jan-Heiner Tück (Hrsg.), Klagen; Bitten, Loben. Formen religiöser Rede in der Gegenwartsliteratur, Ostfildern 2014; Christoph Gellner/Georg Langenhorst, Blickwinkel öffnen. Interreligiöses Lernen mit literarischen Texten, Ostfildern 2013.