Ins Innere hinaus

     

 

Während in der Schweiz zum 100. Geburtstag des grossen Theopoeten Kurt Marti (1921-2017) ausgewählte Predigten neu erscheinen, bringt der Suhrkamp Verlag einen weiteren Essayband des Dichters und Theologen Christian Lehnert (*1969) heraus. Viel beachtet wurden zuletzt seine Fliegenden Blätter über Kult und Gebet «Der Gott in einer Nuß»  .

 

Lauschen ins Offene

Bei seinem neuen Prosabuch «Ins Innere hinaus. Von den Engeln und Mächten» schwebte dem für seine Lyrik mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Autor so etwas wie eine «Geschichte der unsichtbaren Welt in einzelnen Blättern» vor. Sie alle kreisen um die spirituell herausfordernde Frage: Wie kann das Numinose, in der postsäkularen Welt von heute, zu einer progressiven Kraft werden, die die vorherrschenden, scheinbar festgefügten Weltbilder unterwandert und verflüssigt?

Das liest sich dann so: «Ich lebe in einer entzauberten Welt, aber sie fasst und hält mich nicht ganz. Ich muss keine Angst haben vor dem Unerklärlichen und habe doch Angst – vor den allgegenwärtigen Erklärungen, die mich absichernd in sich einschliessen. Es ist dieser merkwürdige Schwebezustand, der mich nach numina fragen lässt. (Während doch um mich her die professionellen Mittler der Transzendenz, die Kirchen und ihre Theologie, sich ihrer Begriffe meist viel zu gewiss sind und ich mich mühen muss, mit ihnen zu glauben. Ich meine damit: lauschen ins Offene, das mit dem Wort ‘Gott’ aufbricht, lauschen und hoffen.)»

 

Zeitgemässe Unzeitgemässheit

«Engel schirmten einst die Gottheit ab – Antiköper, ein schwärmender Wall. Wächterengel sogen auf, was allzu Menschliches in die Gottesvorstellungen eindrang. Sie hielten die Transzendenz rein, fegten sie aus», eröffnet Lehnert eine «T-Zellen» überschriebene Prosaskizze. «So vermissen wir sie heute in den meisten religiösen Ökosystemen Mitteleuropas – die Schutzgeister der Gottesfurcht. Sie könnten den Gott unbelästigt halten von den vielen Überfällen einer geborgenheitsheischenden Wohlstandsfrömmigkeit. Allen übergriffigen Sprachschmutz könnten sie aufzehren als rege Abwehrzellen, welche die Keime diesseitiger Erwartungen von Glück und höherer Selbstbestätigung abbildend zersetzten. Wir entbehren ihre reinigenden Zuarbeiten, die in Spiegelungen geschahen, in der Gestalt von dienstbaren, wohlmeinenden Schutzengeln und freundlichen Lebensbegleitern, die allen, die es bedurften, jederzeit und überall zuflüsterten: ‘Du bist geliebt und gut, so wie du bist!’ Sie konnten Gott davor schützen, dass ihm solche Worte in den Mund gelegt wurden.»

«Die Engel, Bewohner der Grenzen, die Resonanzgestalten, die einst im unsicheren Zwischenreich von Mensch und Gott pulsierten, sind verflogen. Es ist winterlich still geworden in der geistigen Welt. Zurück liessen sie die leblosen Spuren ihrer selbst, den Engelsramsch und die rasant wachsenden Populationen der niedlichen esoterischen Dienstleister, die für Wohlbehagen sorgen», so lautet Lehnerts Zeitkritik, doch liegt ihr eine ganz eigensinnige Diagnose zugrunde: «Nicht die Engel verfielen, sondern die Sinne der Menschen, wenn sie nach innen gerichtet waren.»

 

Im Hallraum christlicher Mystik und negativer Theologie

An der Gottesvision des Propheten Ezechiel («auf dem Thron sass einer, der aussah wie ein Mensch») verdeutlicht Lehnert den Titel des Buchs: Demnach käme «die erschütterndste Offenbarung aus dem Inneren des Menschen, dorther, wo er nichts von sich weiss, ‘innerer als mein Innerstes’, interior intimo meo (Augustinus) […] die Gottheit, die sich mir zeigt, ein Tiefenselbst als unendlicher Raum.»

Engel werden in den biblischen Erzählungen – das zeigt Lehnert in erhellenden Exegesen von Gethsemane über Hagar und Jakob bis zu Elija – «als bestimmende fremde Kräfte im Innern erlebt. Engel tragen […] in sich selbst den Riss zwischen dem antwortenden Verstehen, das sie als etwas erfasst, und dem Einstich des Unbekannten […] Sie sind sagbar, indem sie auf das Unsagbare zeigen – und darin verschwinden. Ein Engel ist eine Chiffre für die Erscheinungsweise der Transzendenz als Überschreitung

Die Crux allen Nachsinnens über eine Körperlichkeit der Engel? Sie «fallen als Kreaturen entweder schwerfällig zurück auf die Seite der Menschen, oder sie schweben haltlos davon ins unvorstellbare All-Nichts der Gottheit […] Besteigen wir ein anderes Vehikel: Engel sind Bewegungsformen […] Sie ziehen unentwegt ‘hinüber’, treiben in die Transzendenz oder vor ihr her, ohne jemals anzukommen […] Anders gesagt: Engel sind Kurzschlüsse, blitzartig gezündet zwischen unvereinbaren Polen, als Wunder, Unvorhersehbares, als Verwandlungskräfte. Sie durchschlagen schockartig die gewohnten Verläufe.»

 

Poesie, Musik, Resonanz

Luther beschrieb den Menschen als «ein Tier mit Vernunft und einem Herzen, das dichtet, das Bilder findet und ‘fingiert’», zitiert Lehnert den Reformator in dem ursprünglich in der NZZ erschienenen Textabschnitt «Lutherische Einbildungen». «In dieser dissonanten Formulierung senkt Luther den Menschen ganz ins Tierhafte ein und findet ihn zugleich in einer anderen Sphäre, sieht ihn mit den Engeln, den Boten aus dem Zwischenreich des Möglichen und Verborgenen, flanieren ins noch Ungewordene […] Der Mensch ist nicht nur ein Lebewesen mit Vernunft […] er ist zugleich nicht ganz in der Gegenwart der Fakten, in den Analysen und im Machbaren zu Hause; seine Fühler streckt er ins Imaginäre, in ein Dichten und Bilden und Schauen des noch nie Gesehenen, des Undenkbaren. Das betrifft bei Luther auch den Kern der religiösen Existenz: ‘Fides creatrix divinitatis’, sagt er, der Glaube ist der Schöpfer der Gottheit. Jeder Glaubende dichtet und bildet sich seinen Gott, seine Gottesvorstellung. Poesie ist dem Glauben zu eigen wie der Atem dem Leben.»

Vom poetischen Prinzip der hebräischen Psalmen, dem parallelismus membrorum, kommt Lehnert im Abschnitt «Musica» zur Doppelchörigkeit von Engel und Menschen, die eine Grundtatsache aller Existenz in eine Szene übersetze: «Niemand wird allein geboren. Alles, was ist und sich seiner bewusst wird, hat einen Umraum, ein Gegenüber, eine Begleitung […] Engel, als Erstlinge der Schöpfung, verbleiben im ursprünglichen Dual aller Existenz. Sie singen nicht für sich, sondern einer zum andern […] Ein religiöser Grundton, eine Urresonanz leitet die Stimmen der Engel: Niemand ist für sich, wie auch ein Engel nicht für sich ist, sondern gespiegelt in einem anderen, der oder das mit ihm erscheint und dem er sich in seinem Erscheinen verdankt. Ein Ton wird nur wirklich, wenn er irgendwo schwingt – wenn sich also ein Gehör findet. Und der Hörende weiss von sich als Hörendem nur durch fremden Gesang. Doppelchörig ist alles Leben, gesungen von einem zum anderen.»

Christoph Gellner

 

Christian Lehnert: Ins Innere hinaus. Von den Engeln und Mächten, 239 S., Suhrkamp: Berlin 2020.