Frauen stören. Und ohne sie hat Kirche keine Zukunft

     

 

Schwester Katharina Ganz beleuchtet in ihrem Buch den realen Beitrag von Frauen zum Leben und Wirken der Kirche, zur Verkündigung, zur Diakonie, in der Seelsorge allgemein. Es ist weltweit ein unverzichtbarer Beitrag, entsprechend ist die volle Partizipation der Frauen ein Thema nicht nur im deutschsprachigen Raum.

In ihrem jetzigen Amt als Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen kann sie wie viele andere Ordensfrauen vielfältig seelsorglich und auch priesterlich wirken. Ordensobere leiten die Gemeinschaften in geistlicher und geschäftsführender Hinsicht, sie tragen Sorgen für die einzelnen Mitglieder und Konvente, haben Verantwortung für Häuser und Einrichtungen, für Finanzen und Personal. In den Leitungsämtern orientieren sie sich am Evangelium Jesu, an der Spiritualität der Menschwerdung sowie im Fall der Generaloberin Katharina Ganz am Geist von Franziskus und Klara von Assisi. Diese Aufgaben haben viel mit den klassischen „Hirten“-Tätigkeiten zu tun: „Lehren, verkündigen, heilen und leiten.“ Umso mehr und immer häufiger auch öffentlich und laut bedauern es viele, dass sie als Ordensfrauen nicht auch ohne Priester miteinander Eucharistie feiern, im Namen der Kirche Vergebung zusprechen oder sterbenden Mitgliedern die Krankensalbung spenden können.

 

Antonia Werr, ein Vorbild in ihrer Beharrlichkeit

Im zweiten Teil des Buches erzählt Katharina Ganz die Geschichte der Ordensgründerin der Oberzeller Franziskanerinnen, Antonia Werr, als Beispiel einer Frau, die bereits in ihrer Zeit den üblichen Lauf der Dinge, vor allem in pastoralen Fragen, gestört hat – zum Wohle marginalisierter Menschen, insbesondere Frauen. Werr gründete, gegen zahlreiche Widerstände aus Kirche und Gesellschaft, eine Gemeinschaft, die sich der Unterstützung von aus dem Gefängnis entlassenen Frauen widmete. Schon im 19. Jahrhundert war Antonia Werr in ihrer Beharrlichkeit ein Vorbild für zeitgenössische Frauen. Denn sie zog, in aller Demut, auch im kirchlichen Bereich Kompetenzen an sich, die eigentlich dem Klerus vorbehalten waren. Dazu gehörte etwa die Vorbereitung der Frauen auf die Beichte.

Aus sozialpädagogischer Perspektive fällt Werrs, heute würde man sagen, systemischer Ansatz in der Unterstützung der marginaliserten, haftentlassenen Frauen auf, z. B. im Fördern und Fordern. Aus pastoraler Perspektive war Antonia Werr mit ihrem Verständnis von Seelsorge als Dienst an der Menschwerdung von Frauen ihrer Zeit weit voraus. Denn erst das Zweite Vatikanische Konzil habe mit der Abkehr von der seit der frühen Neuzeit geltenden Lehre von der Kirche als «societas perfecta» hin zum pilgernden Volk Gottes einen Paradigmenwechsel vollzogen. Pastoral wird nun nicht mehr auf Basis der Hirt-und-Herde-Metaphorik in einer hierarchisch-doktrinären Haltung verstanden als das ausschliessliche Handeln von Klerikern an den Laien und Laiinnen, sondern als Auftrag des gesamten Volkes Gottes.

 

Luft nach oben

Katharina Ganz ist überzeugt: Bei Führungspositionen, die nicht an die Weihe gebunden sind, gibt es in der katholischen Kirche noch viel Luft nach oben. Es braucht noch mehr Frauen, die an entscheidenden Stellen verantwortlich tätig sind.

Schwester Katharina ist überzeugt: Wenn die katholische Kirche an ihren Frauen diskriminierenden Strukturen festhält, marginalisiert sie sich selbst und manövriert sich immer mehr ins gesellschaftliche Abseits. Man wird sie – zumindest in europäischen Kulturkreis – nicht mehr ernst nehmen. Schon heute will man die Botschaft der Kirche auch zu Themen nicht mehr hören, zu denen sie wirklich etwas zu sagen hätte.

Geschlechtergerechtigkeit ist ein Zeichen der Zeit. Die Kirche tue gut daran, dies endlich ernst zu nehmen und in den eigenen Reihen und Strukturen zu verwirklichen. Evangelisierung kann nur gelingen, wenn die Institution vorlebt und sichtbar macht, dass alle Menschen gleich würdig und gleich berechtigt sind. Es sei nicht länger hinnehmbar, sich auf Gott, Jesus Christus oder eine lange Tradition und kirchliche Lehre zu berufen, um Menschen klein zu halten, auf bestimmte Eigenschaften festzulegen oder von manchen Ämtern auszuschliessen.

 

Es wird Zeit, dass Frauen stören

Das Credo der Ordensfrau lautet: Weniger Paternalismus und Bevormundung. Hier fordert sie auch den Papst heraus. Wenn Franziskus etwa eine „Theologie der Frau“ fordere, sei doch der Umkehrschluss, dass es bisher nur eine „Theologie des Mannes“ gebe. Und warum dürften Frauen nicht selbst ihrer Berufung nachspüren und dann frei entscheiden, fragt sie. Ohne Frauen habe die Kirche keine Zukunft, die Evangelisierung bleibe auf halber Strecke stecken. „Es wird also Zeit, dass Frauen stören.“ Stören meint nicht (nur) lästig fallen, sondern erstarrtes neu in Gang bringen, die wertvollen Traditionen im Lichte des Evangeliums neu buchstabieren.

In der gleichzeitigen Verwurzelung im Evangelium und in der Tradition, die allerdings in die Zukunft geführt werden müsse, ist Ganz’ Position ein Mutmacher für Menschen, nicht ausschliesslich Frauen, die die Kirche noch nicht aufgegeben haben und sie trotz aller Ungerechtigkeiten und Vergehen in den eigenen Reihen als Anwältin der Menschwerdung sehen.

Dorothee Foitzik Eschmann

 

Katharina Ganz. Frauen stören. Und ohne sie hat Kirche keine Zukunft, 200 S., Würzburg: Echter 2021