Every Day for Future

 

Ortstermin in Zürich an einem warmen Tag im Mai 2021. Anlässlich der Besichtigung neuer Bildungsräume in einem grundwassergekühlten Gebäude bemerkt der junge Mann, der einen Saal ohne Klimaanlage vorführt, mit einem Augenzwinkern: «Naja, im Sommer kann es hier schon heiss werden. Aber es gibt eben keine Klimagerechtigkeit ohne Leiden».

Nicht für das Leiden aber für «Suffizienz», also das Genug-Haben mit weniger Konsumobjekten, plädiert Katrin Bederna, Leiterin der Abteilung Katholische Theologie/Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg (D), in ihrer Monographie «Everday for future. Theologie und religiöse Bildung für nachhaltige Entwicklung».

 

Theologisieren muss nachhaltigkeitsrelevant sein

Bederna greift Inhalte und Voraussetzungen religiöser Bildung für nachhaltige Entwicklung aus dem Blickwinkel der systematischen Theologie auf, exemplarisch unter den drei Aspekten Schöpfung, Mensch und Armut. Sie erläutert verschiedene Schöpfungstheologien und grenzt sich von herkömmlicher Schöpfungstheologie sowie von sogenannter «Umweltbildung» ab. Ähnlich wie Andreas Benk[1] betont sie, dass die Schöpfungserzählungen nicht «rückwärts», also begründend, sondern «vorwärts», also vorausweisend, als Geschichten der Hoffnung, gelesen werden müssen.  Des Weiteren setzt sie sich mit den anthropologischen Grundannahmen auseinander, vor allem mit dem Freiheitsverständnis. Freiheit und Gerechtigkeit dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern der Gegensatz ist zu überwinden im Hinblick auf die Freiheit aller. Es muss die Handlungsfreiheit aller gegeben sein. Bildung muss dem geforderten globalen Gemeinwohl dienen.

Eine positive Sichtweise des Reduzierens geht einher mit der Haltung, die nachhaltige Entwicklung befördert. Leitend könnte die theologisch begründete «Armut» sein, wie sie in monastischen Traditionen zu finden ist. Auch die neuere europäische mystische Theologie biete Orientierung, da sie das «frei von» anstelle des «genug an» lebt.

Bederna hebt die sozialethische Perspektive des Klimawandels hervor und stellt das Prinzip «Nachhaltigkeit» neben die anderen sozialethischen Prinzipien der Personalität, Solidarität und Subsidiarität. Nur zusammen zielten sie auf umfassende Gerechtigkeit. In der Tradition des Theologen und Erziehungswissenschaftlers Helmut Peukert[2] spricht sie sich aus für eine «Transformationsbildung in messianischer Perspektive».

 

BNE – kein Bildungsinhalt, sondern Basis einer Bildungsreform

Bildung für nachhaltige Entwicklung, wie sie von den Vereinten Nationen gefordert wird,  unterscheidet sich gemäss Bederna von «Nachhaltigkeit» als Bildungsinhalt im (Religions-)Unterricht, denn es gehe hier nicht um ein bildungsrelevantes Thema neben anderen, sondern um nicht weniger als die Basis einer Bildungsreform, die ein enges Zusammenspiel aller Unterrichtsfächer sowie der verschiedenen schulischen und gesellschaftlichen Ebenen benötigt. Diesen zehn didaktischen Prinzipen sollen nicht nur im schulischen Kontext für (religiöse) Bildung für nachhaltige Entwicklung leitend sein: emanzipatorisch, partizipationsorientiert, handlungsorientiert, zukunftsorientiert, schöpfungsorientiert, vernetzt und vernetzend, ethisch orientiert, politisch dimensioniert, korrelativ, ästhetisch und spirituell.

Durch religiöse Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) sollen Schüler und Schülerinnen nicht (nur) zu einer Haltung der Nachhaltigkeit geführt werden, sondern sie sollen sich selbst bilden, indem sie sich selbst in Beziehung setzen zu Freiheit und Nachhaltigkeit. Um vom Wahrnehmen ins Handeln zu kommen, bedürfe es zusätzlich des Willens und der Entschlossenheit zur Neuorientierung, dies sei auch eine Frage der Spiritualität. Bederna schlägt zusätzlich ein BNE Service Learning vor, ein Weg ausserschulischen Lernens mittels (freiwilligen) Engagements für das Gemeinwohl. Bei der Organisation des Lernens ist davon auszugehen, dass Probleme und Lösungen von den Lernenden selbst gefunden und nicht von den Lehrpersonen vorgegeben werden. Die Sichtweisen der Schülerinnen und Schüler sind wichtig, sie sollen in die Aufbereitung der Themen von Anfang an eingebunden werden. Nur so können die Interessen der Lernenden umgesetzt und die daraus resultierenden Ziele erreicht werden. Every Day for Future.

 

[1] Andreas Benk, Schöpfung – eine Vision von Gerechtigkeit. Was niemals war und doch möglich ist, Ostfildern 2016

[2] Helmut Peukert, Die Logik transformatorischer Lernprozesse und die Zukunft von Bildung, in: Edmund Arens (G.) geistesgegenwärtig. Zur Zukunft universitärer Bildung, Luzern 2003, 9-30

 

 

Katrin Bederna. Every Day for Future. Theologie und religiöse Bildung für nachhaltige Entwicklung, 292 S., Ostfildern: Matthias Grünewald Verlag 2020

Frauen stören. Und ohne sie hat Kirche keine Zukunft

 

Schwester Katharina Ganz beleuchtet in ihrem Buch den realen Beitrag von Frauen zum Leben und Wirken der Kirche, zur Verkündigung, zur Diakonie, in der Seelsorge allgemein. Es ist weltweit ein unverzichtbarer Beitrag, entsprechend ist die volle Partizipation der Frauen ein Thema nicht nur im deutschsprachigen Raum.

In ihrem jetzigen Amt als Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen kann sie wie viele andere Ordensfrauen vielfältig seelsorglich und auch priesterlich wirken. Ordensobere leiten die Gemeinschaften in geistlicher und geschäftsführender Hinsicht, sie tragen Sorgen für die einzelnen Mitglieder und Konvente, haben Verantwortung für Häuser und Einrichtungen, für Finanzen und Personal. In den Leitungsämtern orientieren sie sich am Evangelium Jesu, an der Spiritualität der Menschwerdung sowie im Fall der Generaloberin Katharina Ganz am Geist von Franziskus und Klara von Assisi. Diese Aufgaben haben viel mit den klassischen „Hirten“-Tätigkeiten zu tun: „Lehren, verkündigen, heilen und leiten.“ Umso mehr und immer häufiger auch öffentlich und laut bedauern es viele, dass sie als Ordensfrauen nicht auch ohne Priester miteinander Eucharistie feiern, im Namen der Kirche Vergebung zusprechen oder sterbenden Mitgliedern die Krankensalbung spenden können.

 

Antonia Werr, ein Vorbild in ihrer Beharrlichkeit

Im zweiten Teil des Buches erzählt Katharina Ganz die Geschichte der Ordensgründerin der Oberzeller Franziskanerinnen, Antonia Werr, als Beispiel einer Frau, die bereits in ihrer Zeit den üblichen Lauf der Dinge, vor allem in pastoralen Fragen, gestört hat – zum Wohle marginalisierter Menschen, insbesondere Frauen. Werr gründete, gegen zahlreiche Widerstände aus Kirche und Gesellschaft, eine Gemeinschaft, die sich der Unterstützung von aus dem Gefängnis entlassenen Frauen widmete. Schon im 19. Jahrhundert war Antonia Werr in ihrer Beharrlichkeit ein Vorbild für zeitgenössische Frauen. Denn sie zog, in aller Demut, auch im kirchlichen Bereich Kompetenzen an sich, die eigentlich dem Klerus vorbehalten waren. Dazu gehörte etwa die Vorbereitung der Frauen auf die Beichte.

Aus sozialpädagogischer Perspektive fällt Werrs, heute würde man sagen, systemischer Ansatz in der Unterstützung der marginaliserten, haftentlassenen Frauen auf, z. B. im Fördern und Fordern. Aus pastoraler Perspektive war Antonia Werr mit ihrem Verständnis von Seelsorge als Dienst an der Menschwerdung von Frauen ihrer Zeit weit voraus. Denn erst das Zweite Vatikanische Konzil habe mit der Abkehr von der seit der frühen Neuzeit geltenden Lehre von der Kirche als «societas perfecta» hin zum pilgernden Volk Gottes einen Paradigmenwechsel vollzogen. Pastoral wird nun nicht mehr auf Basis der Hirt-und-Herde-Metaphorik in einer hierarchisch-doktrinären Haltung verstanden als das ausschliessliche Handeln von Klerikern an den Laien und Laiinnen, sondern als Auftrag des gesamten Volkes Gottes.

 

Luft nach oben

Katharina Ganz ist überzeugt: Bei Führungspositionen, die nicht an die Weihe gebunden sind, gibt es in der katholischen Kirche noch viel Luft nach oben. Es braucht noch mehr Frauen, die an entscheidenden Stellen verantwortlich tätig sind.

Schwester Katharina ist überzeugt: Wenn die katholische Kirche an ihren Frauen diskriminierenden Strukturen festhält, marginalisiert sie sich selbst und manövriert sich immer mehr ins gesellschaftliche Abseits. Man wird sie – zumindest in europäischen Kulturkreis – nicht mehr ernst nehmen. Schon heute will man die Botschaft der Kirche auch zu Themen nicht mehr hören, zu denen sie wirklich etwas zu sagen hätte.

Geschlechtergerechtigkeit ist ein Zeichen der Zeit. Die Kirche tue gut daran, dies endlich ernst zu nehmen und in den eigenen Reihen und Strukturen zu verwirklichen. Evangelisierung kann nur gelingen, wenn die Institution vorlebt und sichtbar macht, dass alle Menschen gleich würdig und gleich berechtigt sind. Es sei nicht länger hinnehmbar, sich auf Gott, Jesus Christus oder eine lange Tradition und kirchliche Lehre zu berufen, um Menschen klein zu halten, auf bestimmte Eigenschaften festzulegen oder von manchen Ämtern auszuschliessen.

 

Es wird Zeit, dass Frauen stören

Das Credo der Ordensfrau lautet: Weniger Paternalismus und Bevormundung. Hier fordert sie auch den Papst heraus. Wenn Franziskus etwa eine „Theologie der Frau“ fordere, sei doch der Umkehrschluss, dass es bisher nur eine „Theologie des Mannes“ gebe. Und warum dürften Frauen nicht selbst ihrer Berufung nachspüren und dann frei entscheiden, fragt sie. Ohne Frauen habe die Kirche keine Zukunft, die Evangelisierung bleibe auf halber Strecke stecken. „Es wird also Zeit, dass Frauen stören.“ Stören meint nicht (nur) lästig fallen, sondern erstarrtes neu in Gang bringen, die wertvollen Traditionen im Lichte des Evangeliums neu buchstabieren.

In der gleichzeitigen Verwurzelung im Evangelium und in der Tradition, die allerdings in die Zukunft geführt werden müsse, ist Ganz’ Position ein Mutmacher für Menschen, nicht ausschliesslich Frauen, die die Kirche noch nicht aufgegeben haben und sie trotz aller Ungerechtigkeiten und Vergehen in den eigenen Reihen als Anwältin der Menschwerdung sehen.

 

Katharina Ganz. Frauen stören. Und ohne sie hat Kirche keine Zukunft, 200 S., Würzburg: Echter 2021

Erkundungen in der Gegenwartsliteratur

 

Jedes Jahr erscheinen mehrere Tausend Bücher mit religiösen und theologischen Inhalten. Aber auch Romane beschäftigen sich mit spirituellen, ethischen und religiösen Themen.

Die Vereinigung des katholischen Buchhandels in der Schweiz hilft interessierten Personen, sich im Dschungel der Neuerscheinungen zurecht zu finden.

 

Beim Buchbesprechungstag am 25. Oktober 2021 in Zürich werden Fachliteratur und Praxisbücher sowie belletristische Literatur vorgestellt.

 

Im ersten Teil stellt Gallus Weidele etwa 50 neue Bücher vor. Menschen in der kirchlichen Praxis sowie Mitarbeitenden von katechetischen/religionspädagogischen Fachstellen als auch interessierten Laien werden mit dieser Auswahl einige Tipps und Empfehlungen für ihre Arbeit und ihre persönliche Lektüre gegeben.

Im zweiten Teil berichtet Dr. Christoph Gellner über die neue Aufmerksamkeit für Gott, Religion und Spiritualität in der aktuellen belletristischen Literatur. Er gibt wertvolle Hinweise, die in der Predigt und der Verkündigung allgemein aufgenommen werden können.

 

Die Veranstaltung  findet statt am Montag, 25. Oktober 2021, 9.15 – 16 Uhr, Veranstaltungszentrum Paulusakademie Pfingstweidstrasse 28, 8005 Zürich.

Anmeldung bis 1. Oktober 2021.

 

Flexible Kursformate für die theologische Bildung

 

Die neuen Online-Kurse:

  • Bibel verstehen/Modul M3 in ForModula: ab 13.10.2021 bis 15.6.20222 jeweils Mittwochvormittag mit 2 Vormittagen Präsenz (9-12.30) in ZH und 5 Online-Vormittagen (9.00 – 11.45) pro Trimester

 

 

Der neue Wochenendkurs:

Theo-poetisches ABC

 

«Ich wollte eine Theologie entwerfen, die den Sehnsüchten der Menschen in einer Sprache von heute eine Heimat bietet unter dem Dach der Theologie. Freude und Hoffnung, Trauer und Angst sind die ersten Wörter der Pastoralkonstitution. Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, was nicht in den Christen seinen Widerhall finden könnte», resümiert der 70-jährige emeritierte Würzburger Pastoraltheologe die für ihn wichtig gewordene Verbindung von Theologie und Literatur. «Die Qualität des Christseins nach der Magna Charta des 2. Vatikanums heißt: Resonanzfähigkeit.»

 

Pastorale Resonanzfähigkeit

«Resonanz ist eine zutiefst pastorale Kompetenz. ‘Gaudium et spes’ schreibt der Kirche ins Stammbuch, dass sie resonant sein soll auf die Grundgefühle der Menschen», betont Garhammer. Von Haus aus auch Germanist und Ausrichter zahlreicher Begegnungen mit Autorinnen und Autoren ist er resonant für religiös-spirituelle und existentielle Dimensionen der zeitgenössischen Literatur.

«Eine religiöse Frage ist nur entweder Lebensfrage oder sie ist leeres Geschwätz», zitiert er Ludwig Wittgenstein. Dass die floskelhaft-klischierte Kirchensprache viel zu selten resonanzfähig ist für die existentiellen Erfahrungen und die religiös-spirituelle Suche heutiger Menschen, ist gar nicht neu.

«Ich fühle mich als Katholik fast in einer verzweifelten Stellung», führt Garhammer einen Brief Romano Guardinis vom 13. Juli 1924 an. «Immer aufs Neue kommt mir zu Bewusstsein, wieviel Grösse, Reinheit und schaffende Kraft draussen ist». «Drinnen» in der Kirche nahm er nur «abgelegte Gedanken, Kompromisstechniken», ja, «Epigonentum» wahr. «In Welt und Leben zu Hause sein und die Kraft zur Gestaltung haben: das ist eine Kurzformel seiner Theologie. Die Kraft zur Gestaltung dieser Theologie auf der Höhe der Zeit entnahm Guardini der Literatur! Literatur muss nicht immer zitiert werden und dennoch kann ihre Potenz einer Theologie inhärent sein», folgert Garhammer.

 

Poesie als Lebensstoff

Die Grundidee des gut lesbaren neuen Buchs ist so einfach wie originell: In 26 kurzen Stücken wird das Alphabet durchbuchstabiert, um sowohl elementare menschliche Erfahrungen als auch wichtige Erkenntnisse, Personen und Orte der eigenen theologisch-literarischen Biografie zu erschliessen – mit Paul Celan spricht Garhammer von «lebensspendenden Wörtern» und nennt sie «Meridiane».

So hält er im zweiten Lesestück «Bekehrung oder wie mir Literatur zur Heimat wurde» fest: «Nicht über irgendein bla, bla, sondern über das, was einen an der Gurgel packt», sollen nach Arno Geiger Schriftsteller schreiben. Reiner Kunze fasziniert Garhammer, weil für ihn «Poesie das ist, was durch mich hindurch gegangen ist und Sprache wird». «Sie haben Morbus Kitahara», erfuhr Christoph Ransmayr. «Das sind Menschen, die sich ein Loch ins eigene Auge starren, weil sie nur auf ein Problem fixiert sind. ‘Muss ich mich operieren lassen?’ Nein, Sie müssen nur Ihren Blick ändern.’»

Eine Frucht dieser Perspektivenerweiterung ist Ransmayrs Erkenntnis, «dass bei aller Kostbarkeit und allem Glanz des Zaubers der Verwandlung von etwas in Sprache, in Schrift, der ungeheuerliche und unfassbare, in den Abgründen eines grenzenlosen Raumes verlorene Rest doch – Schweigen» ist. In dieser «Sehnsucht nach Stille, nach wort-loser Präsenz» sieht Garhammer einen Hinweis, «dass Sprache in das Schweigen hinabreichen muss, um aus ihm gefüllt aufsteigen zu können».

 

Theologische Sprach- und Erzählschule

«Glauben oder wir sind Poeten, wenn wir beten», erinnert Erich Garhammer an Dorothee Sölle. «Am Grund religiöser Rede liegt nicht die Gewissheit von Aussagen, nicht die Sicherheit von Dogmen oder Bekenntnissen – nein, am Grund religiöser Rede liegt eine Ungewissheit. Ihr kommt man nur bei im Gebet», betont Garhammer mit Christian Lehnert. «Der Grundgestus religiöser Rede ist die betende, liturgische Anrufung. Darin ist das Gedicht dem Gebet ähnlich, auch das Gedicht ist in einem bestimmten Sinne immer ein staunendes Anrufen der ungewissen Welt und Wirklichkeit».

«Übersetzen oder mit Gott im Clinch» führt die Einsicht Fridolin Stiers an, «dass die Wirklichkeit Gottes sich letztlich aller Sprache entzieht und dennoch in der Gestalt des Nazareners konkrete sinnliche Gestalt angenommen hat; dies alles mündet in die von ihm als paradox begriffene Aufgabe des Theologen, dass er von dem reden muss, was sich aller Sprache entzieht, dass Gott durch seine Sprache Subjekt bleiben muss, obwohl die Sprache Gott ständig zum Objekt macht.»

«Himmel oder ein franziskanischer Sonnengesang» widmet sich Peter Handke, bei dem Garhammer «eine Sehnsucht nach dem Göttlichen mitten im Alltag» am Werk sieht. Als Theologe stimmt er ihm bei, dass es wichtig ist, «die Wirklichkeit nicht positivistisch sakral aufzuladen, sondern das Heilige als das unausgesprochen Beseelende der Wirklichkeit wahrzunehmen, nicht als pure Eindeutigkeit».

 

Garhammers Buch möchte eine «Wünschelrute» sein, selber theo-poetische Entdeckungen zu machen. Daher spielt der literaturaffine Priester und Pastoraltheologe am Ende seinen Leserinnen und Lesern die seelsorgerlich-praktische Frage zu: «Wie müsste eine Sprache aussehen, in der Achtsamkeit für das Unscheinbare, Wertschätzung für Alltägliches und die Biografien der Menschen, die Meridiane des Schmerzes und des Trostes und damit ihr Leben aufgehoben wären?»

Erich Garhammer: Meridiane aus Wörtern. Theo-poetisches ABC, 174 S., Würzburg: Echter 2021.

Ringen um letzte Fragen

 

Seit Chestertons Father Brown gibt es eine enge Beziehung zwischen Religion und Kriminalliteratur. In jüngerer Zeit entwickelten Ulrich Knellwolf, Alfred Bodenheimer und Georg Langenhorst das Genre des Theologenkrimis zu fortsetzungsreichen Serien. Nun fügt Ueli Greminger (*1956), bis Ende 2020 reformierter Pfarrer am St. Peter in Zürich, dem sehr produktiven neueren Schweizer Kriminalroman eine interessante Variante hinzu: Der letzte Zug. Pfarrer Bodmer unter Verdacht, im Untertitel vom Autor ausgewiesen als «Ein Stück narrative Theologie im Rhythmus von drei Bob-Dylan-Songs».

 

Ein Pfarrer als Todesengel?

Peter Bodmer wird wegen dringendem Verdacht auf vorsätzliche Tötung bzw. Tötung auf Verlangen in Untersuchungshaft gesetzt und schreibt nun einen Bericht: Adressat ist der befreundete Arzt Daniel Gehring, der verstehen soll, wie es zu dem «Missverständnis» gekommen ist, er, der Pfarrer, habe ihm aus Mitleid, ja, als Freundschaftsdienst geholfen, seinem Leben ein Ende zu setzen.

«Du ein Zug, ich ein Zug»: Die kriminalistische Aufklärung erhellt Zug um Zug die Vorgeschichte und wir erfahren, wie sich die regelmässigen monatlichen Gespräche zwischen Arzt und Pfarrer, die über die Jahre immer mehr einem Schachspiel glichen, zu einem regelrechten Ringen um letzte Fragen entwickelten. «Was ihr predigt, wie kraftlos ist es geworden, dogmatisch, bieder, belanglos», lautet einer der provokativen Anwürfe des religionsscheuen Mediziners, der die Kirche immer kleiner und älter werden sieht, da sie den Draht zu den Menschen von heute verloren habe. «Ihr von der Kirche wollt immer das letzte Wort haben, auch beim Sterben. Dabei ist euer Zug längst abgefahren!»

 

Eine fatale Wendung nehmen die Gespräche, als das Thema Sterbehilfe aufkommt: Als der Arzt eine Krebsdiagnose mit maximal 6 Monaten Überlebensdauer erhält, will er sich nicht in die Hände der Kollegen und all ihren Therapien ausliefern. Genau das, was er seinen Patienten immer auszureden versuchte, hat Dr. Gehring jetzt im Sinn: «Ich entscheide. Ich will sterben, aufrecht sterben», wie er in Anlehnung an sein Lieblingslied von Bob Dylan formuliert: «lasst mich aufrecht sterben, bevor ich unter die Erde in den Bunker gehe». Im Hintergrund stehen intensive Gespräche Ueli Gremingers mit dem Winterhurer Therapeuten Peter Angst, der 2011 ein Plädoyer für selbstbestimmtes Sterben publizierte, wie Greminger im Interview mit Stephan Jütte erzählt, ihm ist das Buch gewidmet.

 

Keine Figur sein auf dem Schachbrett der anderen

«War es die Scham des Pfarrers auf der Verliererseite? Du der Arzt, der jeden Morgen auf ein volles Wartezimmer zählen kann, ich der Pfarrer, der jeden Sonntagmorgen bangen muss, ob seine Schäflein noch in die Kirche kommen», führt Bodmer die Ermittlung gegen sich selbst. «War es eine Retourkutsche? Meldete sich der verletzte Stolz? Es ist ja schon ärgerlich, immer in der Defensive zu sein, im Beruf, im Gespräch, permanentes Rückzugsgefecht, immer drei Schritte hinter dem Bedeutungsverlust der Religion», sodass es zum Rollentausch kam, er die Führung übernahm?

Angesichts des Skandals fordert der Kirchenratsschreiber von Pfarrer Bodmer, der seinen Beruf weiter ausüben will, einen Bericht zuhanden der Kirchenleitung: «Uns interessiert Ihr Gewissen, Ihr Berufsethos. Schreiben Sie über das Mitleid, über die Grenzen des seelsorgerlichen Handelns.»

«Wir beide wollten nicht konform sein, keine Figuren sein auf dem Spielbrett der anderen»: Im Zeichen von Bob Dylans Widerstandsgeist thematisiert Bodmers zweiter Bericht sein Berufs- und Theologieverständnis, das wesentlich von Sebastian Castellio inspiriert wird, der gegen Calvin, ja, jede Obrigkeit die Freiheit und Wahrheit verfocht. Wieder im Pfarramt outet er sich, was ihm den Zugang zu vielen Menschen öffnet, «die sich von der Kirche stillschweigend verabschiedet hatten, die aber doch auf der Suche nach dem Religiösen waren». Diese Kontakte verschärfen noch seine kritische Sicht auf den «durchorganisierten Leerlauf» des «kirchlichen Betriebs».

 

Jeder gute Krimi enthält eine Kryptoanthropologie

«Du ein Zug, ich ein Zug. Du als Arzt, der den Zugang zur eigenen Seele sucht, ich als Pfarrer auf dem Weg durch den Dschungel seiner Religion»: Bis zu seinen beiden Geständnissen gegenüber Gehrings Ehefrau und einem Pfarrkollegen, der ihn um eine Aushilfe angeht, bleibt Bodmers Aufklärungsarbeit bis am Ende spannend, dringt sie doch in die seelischen Zonen beider Hauptfiguren vor und lotet in einem weiten Bogen unterschiedliche Grundeinstellungen und -haltungen zum Leben aus.

Der letzte Zug von Ueli Greminger, mit dem er Daniel im letzten Perspektivenwechsel des Epilogs in eine ungeahnte Nähe zu Peter bringt – der als Winzer ein neues Leben begonnen hat und von Dylans Protestliedern zur Poesie und Spiritualität von «Every grain of sand» fand –, sei hier nicht verraten.

 

«Der letzte Zug» belegt damit eindrücklich, was den Krimi zur populärsten aller Literaturgattungen macht: die lebens- und erfahrungsnahe, ungeschminkte Erforschung, was es mit dem Menschen auf sich hat, was uns Leser im besten Sinne zum Nachdenken und zur Stellungnahme herausfordert. Gerade darin liegt der Mehrwert spannender literarischer Geschichten gegenüber jedem noch so guten Sachbuch – für Ueli Greminger der Grund, warum man Theologie erzählen muss.

 

Ueli Greminger: Der letzte Zug. Pfarrer Bodmer unter Verdacht, 120 S., Theologischer Verlag Zürich 22021.

Zur Vertiefung: Andreas Mauz/Adrian Portmann (Hrsg.): Unerlöste Fälle. Religion und zeitgenössische Kriminalliteratur, Königshausen & Neumann: Würzburg 2012.

Streifzüge durch die Grenzbereiche von Mensch und Natur in Zeiten des Klimawandels

 

Wohin der menschliche Hang zur schuldhaften Verstrickung und zur Selbstermächtigung über die Natur führt, steht immerhin schon in der Genesis mehr als deutlich beschrieben: Vom falschen Baum genascht? Folge: Vertreibung aus dem Paradies, Arbeit, Geburtsschmerz. Allgemeiner menschlicher Hang zur Sündhaftigkeit (= «strukturelle Sünde»)? Folge: Überflutung der ganzen Erde, Auslöschung fast allen Lebens. Der Bau eines Wolkenkratzers in Babel? Folge: Einsturz aller Pläne, Notwendigkeit von Fremdsprachenkenntnissen.

 

Gut, das ist schlaglichtartig und theologisch stark verkürzt, aber ganz zweifellos kennen die Christinnen und Christen aus ihrem biblischen Erbe und aus ihrer Tradition zahllose Stimmen, die Gottes Schöpfung in ihrem paradiesischen Reichtum als höchst sinnvoll, erstrebenswert und einfach schön erscheinen lassen – und die umgekehrt den Menschen als ein Wesen charakterisieren, das zu gerne seine eigenen Pläne schmiedet, mit oft katastrophischen Folgen für seine Umwelt, die Natur und in der Folge sich selbst.

 

Gott in der Klimakrise

So mag es denn durchaus erstaunen, und damit kommen wir zu einer der in der Einführung herausgestellten Motivationen des Sammelbandes «Gott in der Klimakrise. Herausforderungen für Theologie und Kirche», hg. von David Plüss und Sabine Scheuter, Zürich 2021, dass diese religiösen Ressourcen und damit in Verbindung stehenden Begrifflichkeiten wie «Gott», «Schöpfung», «Paradies» in den aktuellen Debatten um die Klimakrise ausserhalb religiöser Kernkompetenzzirkel kaum noch Verwendung finden. Fehlt dadurch nicht eine wirkmächtige Stimme mit wichtigen Aussagen – und wenn ja: welche wären das? Aber bleiben wir realistisch wie die Herausgeber: dass sich heutige urbane, ökologisch interessierte Menschen der Verwendung religiös-theologischer Ressourcen befleissigen, dürfte in der entchristlichten Gegenwart doch eher ziemlich unwahrscheinlich sein!

 

Das Ziel der Herausgeber ist denn auch ein realistisches, abgeschwächtes: «[D]arstellende, analysierende und abwägende Texte» (S. 10), immerhin sechzehn an der Zahl, beschäftigen sich zunächst im ersten Teil damit, wie sich heute ökologische Sensibilität mit Handlungsoptionen verbinden lässt. Im zweiten Teil des Buches werden drei historische Schlaglichter geworfen: von biblischen Klimakrisen spannt sich dort ein Bogen bis zur kirchlichen ökumenisch-ökologischen Arbeit der letzten 50 Jahre. Der dritte Teil versammelt orientierende theologische Positionen aus einem dezidiert interreligiösen Spektrum, während im abschliessenden Teil ökologische Initiativen von Kirchengemeinden vorgestellt werden.

 

Grüne Spiritualität

Ohne auf die Beiträge im Einzelnen einzugehen, scheinen mir einzelne Anmerkungen doch ganz sinnvoll zu sein, um die Perspektiven des Sammelbandes besser einschätzen zu können. Den Reigen zum ersten Teil des Buches eröffnet Claudia Kohli Reichenbach mit einigen sehr interessanten Beobachten zur «Grünen Spiritualität», deren Aspekte «Beschränkung, Teilen, Verzicht, Frugalität, Demut, Gemeinschaft» (S. 24) ein übergreifendes Kennzeichen gerade für die grossen religiösen Traditionen sind. Nicht zuletzt für die protestantischen Kirchen, deren Gläubige, wie die Autorin festhält, aus ihrer eher pessimistische Weltsicht eine umso stärkere ethische Option für das eigene Handeln ableiten. Dass der religiöse Überbau für die heutigen «jungen Ökobewegten» (S. 26) keine Sinnressource und Bezugsgrösse (mehr) ist, stellt für die Autorin aber keinen sonderlichen Schmerz dar: Es ist die Liebe – hier zur Natur -, die zum Handeln bewegt, und nicht das rationale Argument oder der moralische Appell.

 

Es ist die Liebe, die zum Handeln bewegt

Daran schliesst sich natürlich die interessante Frage an, wie denn diese Liebe entstehen kann, welcher Lern- und Schutzraum dafür notwendig wäre. Antworten dazu liefern indirekt die folgenden Beiträge. Für Detlef Lienau wird ein entsprechender Raum durch das Pilgern eröffnet, indem dieses die Menschen mit sich und der Natur in ein neues Zwiegespräch bringt, wie er auch mit interessanten, vielleicht ein wenig zu glatt ausgewählten Statements nachweist. Einen Raum ähnlicher, vielleicht sogar noch wirkmächtigerer Art eröffnet Christoph Gellner durch den der Literatur. Sie ist es, die dem Menschen durch ihre Sprache, durch ihre Bilder und ihre Erzählungen einen Zugang zur Natur aus literarischen Gegenwelten eröffnet – ohne Verzweckung und Nützlichkeitserwägungen. Religion fundiert letztlich diesen «Stachel» der Literatur, wenn sie das Bewusstsein wachhält, dass Dinge einen «Eigen-Sinn» (S.45) innehaben, der sie vom Menschen unabhängig sein lässt.

 

Klima – Krise

Nicht zur Sprache gekommen ist bislang ein interessanter Begriff im Titel des Sammelbandes, nämlich «Klimakrise». Krise hat die gleiche Wortherkunft wie «Kritik» im Sinne von Urteilen und bedeutet auch genau das: im Angesicht einer Situation zu einem Urteil herausgefordert sein. Unter diesem Schwerpunkt untersucht Baldassare Scolari zwei Filme und ihre Fähigkeit, diesen Entscheidungsmoment der Klimakrise intelligent zu drehen und den Zuschauern zur Aufgabe zu geben: «Wie wollt Ihr entscheiden?»

 

Spannende Einsichten zum Mit- und Gegeneinander (!) von Gott, Schöpfung und Natur vermittelt Sara Kipfer im historischen Teil des Buches, bevor Kurt Zaugg-Ott die windungsreiche Entwicklung der kirchlichen Umweltarbeit in der Schweiz nachzeichnet. Sein Fazit, das sich teilweise auch in den Schlüssen anderer Autor:innen nachvollziehen lässt: Freiwillige Selbstverpflichtungen funktionieren nur selten, theologisch ist – zumindest für ihn – schon länger klar, dass nur radikale Umkehr hilft. Ihren persönlichen theologischen Bildungsprozess durch ökofeministische Theorien beschreibt daraufhin hochspannend und mitreissend Tania Oldenhage, denn dieser eröffnete ihr neue Zugänge, um über Gott nachzudenken – und die ökologische Katastrophe nicht als ein Thema unter vielen zu begreifen, sondern als «allgegenwärtige[n], lebensbedrohliche[n] Kontext, in dem die verschiedenen sozialen Probleme unserer Zeit verstrickt sind» (S. 98).

 

Das Christentum – eine «post-apokalyptische Religion

Im dritten Teil stechen vor diesem eher pessimistischen Hintergrund besonders diejenigen Überlegungen hervor, die mit der Theologie eine ausgewiesene Hoffnungsperspektive gegen die dystopischen Erzählungen aus Fantasy-Literatur und Science-Fiction-Filmen (Ralph Kunz) oder gegen die Furcht vor apokalyptischen Katastrophen entwerfen. Nein, da das Christentum eine «post-apokalyptische Religion» (S.122) ist, sollten sich Christen laut Georg Pleiderer entlastet sehen von der «letzten Bedrohung» (S. 124) und aus der daraus entspriessenden Freiheit neue Formen der «Verzichts- und Verantwortungsbereitschaft» (ebd.) füreinander entstehen lassen. Diese Positionen spiegeln sich wieder in den darauffolgenden Stimmen aus der Ökumene, sie finden sich aber auch wieder in durchaus vergleichbarer Form in einem interreligiösen Gespräch, das Geneva Moser mit vier Expertinnen au Buddhismus, Christentum, Islam und Judentum führt.

 

Von der grauen Theorie in die bunte Praxis

Zum Abschluss des Bandes werden Beiträge präsentiert, die sich mit dem Übersprung von der grauen Theorie in die bunte Praxis beschäftigen. Hier kommen die unterschiedlichen Ebenen, auf denen Kirche heute ökologisches Handeln bilden, fördern und subventionieren kann (Esther Straubs Beitrag zu den Legislaturzielen des Zürcher Kirchenrats) ebenso zur Sprache wie Andreas Nufers Idee eines modernen Erntedankfestes an einer gemeinsamen Tafel mit Speisen, die ansonsten in den Müll gewandert wären («Foodsave-Bankett»). Fünf Best-Practices, wie die Kirche in ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ökologische Themen platzieren kann, beschreibt Jessica Stürmer-Terdenge, während Stephan Jütte danach fragt, wie die Kirchen in sozialen Netzwerken wie Instagramm oder Facebook auf ihre ökologische Arbeit und ihre Positionen aufmerksam machen müssten, um gehört zu werden – und woran es heute noch hapert. Das Schlusswort des Sammelbandes gehört Jürg Liechti, der im Beitrag «Wake up: Es brennt! Ca chauffe!» beschreibt, wie der Aufruf zum Klimaschutz zu einem wahrhaft pfingstlichen Ereignis in der Kirche und darüber hinaus werden kann.

 

Theologie in Klausur

Insgesamt gesehen ist so in den Händen der Herausgeber ein Sammelband entstanden, der thematisch sehr unterschiedliche und qualitätsvolle Beiträge versammelt. Das Vorhaben der Herausgeber, das Buch als «Klausur» zu konzipieren, in der sich die Theologie Zeit nimmt, mit ihrer eigenen Sprache und im Rahmen ihres eigenen Denkens auf die Klimakatastrophe zu antworten, ist letztlich gut eingelöst worden. Eher kritisch zu sehen ist allein die Tatsache – und das verbindet dieses Buch allerdings mit so gut wie allen Veröffentlichungen zum Klimawandel –, dass eine gebündelte Überlegung dazu fehlt, aufgrund welcher Ursachen und Auswirkungen jener als negativ zu bewerten ist. In einzelnen Beiträgen blitzen immer wieder valide Schlaglichter auf (Zerstörung menschlicher Lebensgrundlage, aus der Balance geworfene Ökosysteme …) aber ein starker Anthropozentrismus bleibt weitgehender Grundtenor der Beiträge, auch wenn er interessanterweise an einigen Stellen explizit kritisiert wird. Die «Klimakatastrophe» wird deshalb im Buch insgesamt zu einem eher undifferenzierten, «gefühlten» Gegenüber, obwohl sie doch eigentlich in jeglicher Hinsicht durch den Menschen gemacht ist: Hervorgerufen durch sein Handeln an und mit den natürlichen «Ressourcen», konstruiert aufgrund der Beobachtung seiner für ihn relevanten (!) Umwelt, auf den Begriff gebracht für vorrangig seine eigenen Zwecke und Hoffnungen. Theologisch wäre aber mit Georg Pleiderers Beitrag einiges zu kritisieren am Grundtenor vieler Klimaaktivismen: Wenn wir schon nicht in der Besten aller möglichen Welten leben, wäre es um Gottes Willen schön, wenn es zumindest bliebe, wie es ist.

 

Der grosse Garten

Dass in der Natur nichts so bleibt, wie es war, und dass es zudem immer anders kommt, als erhofft, das zeigt auf charmant-amüsant-lehrreiche Weise die Schriftstellerin Lola Randl in ihrem Buch «Der grosse Garten», erschienen bei Matthes und Seitz, Berlin 2019. Vor den Augen der Lesenden entfaltet sie hier ein prächtiges Dorfpanorama im Umland von Berlin, in dem die Protagonistin (die möglicherweise autobiographische Züge der Autorin trägt) mit ihrer Familie wohnt. Der Umzug war wohl getragen vom Wunsch, durch den Umzug aufs Land irgendwie näher an der Natur «dran» zu sein, ein «natürliches Leben» führen zu können. Doch durch die dörfliche Versuchsanordnung Randls werden schnell die Grenzen des alten Slogans «Zurück zur Natur!» deutlich. Den «Ureinwohnern» des Dorfes, die ein eher handfestes Verhältnis zur Natur pflegen, sind die ehemaligen Städter suspekt, zudem kommen diese von der nahen Stadt auch nicht los – häufige Rückfahrten in die dortige Kultursphäre und zu den dortigen Liebschaften bleiben überlebensnotwendig. Umgekehrt sind es aber erst die neuzugezogenen Städter, die das eigentliche Auge für die Naturschönheit haben und für ihren Schutz einstehen.

 

Mensch zwischen Natur und Kultur

Symbolhaften Charakter bekommt der Roman schliesslich durch den sehr gut umgesetzten Kniff, den wichtigsten handelnden Personen keine Eigennamen zu geben, sondern sie nur ihrer Funktion nach zu nennen: So lesen wir vom «Liebhaber», «der Mutter», «dem Therapeuten». Dieser Verfremdungseffekt akzentuiert noch die oft zynische Komik des Buches, und er unterstreicht vor allem auch durch die damit einhergehende Unpersönlichkeit die zweite Ebene des Buches: Dieses taugt nämlich hervorragend durch seine in die Handlung eingeflochtenen zahlreichen Gartenweisheiten und Naturbeschreibungen als Handbuch für angehende Gärtner:innen. Interessanterweise gibt es auch noch eine mehr oder weniger versteckte religiöse Tiefenschicht in den dörflichen Verwicklungen, deren Entdeckung überlasse ich aber den geneigten Leser:innen.

Mein Eindruck: Selten war es vergnüglicher und lehrreicher, etwas zum heutigen Spannungsverhältnis des Menschen zwischen Natur und Kultur zu lesen – und zu den überzeitlichen Problemen, die sich daraus für die conditio humana ergeben.

 

 

David Plüss und Sabine Scheuter (Hg.) Gott in der Klimakrise. Herausforderungen für Theologie und Kirche, Zürich: TVZ 2021

Lola Randl. Der grosse Garten, Berlin: Matthes und Seitz 2019

Schöpfungsspiritualität, Theologie und Biografie

 

Gerade rechtzeitig zu Beginn des ersten Lockdowns erhielt ich die Einladung, für den neuen Denkmal-Band Gott in der Klimakrise einen Literaturbeitrag zur Ökospiritualität beizusteuern. Was mir selber durch Gerhard Meier, Peter Handke, Marion Poschmann, Hans-Magnus Enzensberger, Silvio Blatter, Hansjörg Schertenleib, Ilija Trojanow, Andreas Maier und Christine Büchner wichtig wurde, verdichten David Plüss und Sabine Scheuter in ihrer Einleitung anhand eines Schlüsseltexts des Berner Pfarrerdichters Kurt Marti (1921–2017) aus dem Tschernobyl-Jahr 1986, „Gottes Eros“:

 

„Ist’s nicht ein Übermass, woran wir

Unsern Gott erkennen? Denn etwas tun, das not ist,

Liegt rein in der Natur, ist animalisch, mineralisch: aber

Perlmuttbrücken über den Regen schlagen

Und Märchenglanz über den Mond, heimliche Regenbögen

In den Schulp der Tiefeseemuscheln legen

Und den notwendigen Beischlaf zur Fortpflanzung

Zu Feuerschönheit anfachen,

Dass selbst das Unkraut sich nicht ohne Blüte mehrt“

– DAS, ja allerdings, ist heilige Verschwendung,

ist das Eros Gottes,

der weit über Zweck und Bedarf hinausgeht

und unsere geizigen Ichs ebenso beschämt

wie multinationale Gewinngier!

 

Und nun, du Liebender,

sollen Deine zarten Erfindungen, wilden Verschwendungen

bis zum bittern Ende vermarktet, vergiftet werden

und soll der Hinrichtung Deines Sohnes

auch die unserer Schwester, der Mutter Erde, folgen?

Nicht doch, nicht doch!

Zwing uns zur Umkehr,

führ uns zur Einsicht

durch die schöne Frau Weisheit,

die vor Dir spielte seit Anbeginn schon,

zu Deinem Entzücken.

 

Am Beginn zitiert Marti aus dem Gedicht „Gottes Exzesse“ von Robinson Jeffers (1887–1962), am Ende spielt er auf Sprüche 8,22-31 an, verbindet das Lob eines überschwänglich-verschwenderisch liebenden, ja, erotischen Gottes mit hellsichtig-scharfer Kritik ökologischer Missstände. Im Wissen, dass weniger apokalyptische Katastrophenangst uns zur Umkehr zu bewegen vermag als vielmehr die Wahrnehmung der Schönheit der Schöpfung, die sinnlich-spirituelle Tiefenerfahrung ihrer Weisheit, die die Erde zum einzigen Planeten des Lebens erwählte – das heisst: die Bibel ins Heute schreiben.

 

Glaube, Religion und Eros

In seinen Essays und Meditationen O Gott! aus dem Jahr 1986 bezeichnet Marti Glaube und Eros als Geschwister. Angesichts der Gefahr, die Schöpfung könne zurückgenommen, die Genesis widerrufen werden, sei ein „Aufstand der Biophilie (Lebensliebe) gegen die Nekrophilie (Todesliebe)“ erwacht, ein „Erdmatriotismus“, der auf der Lust zum Leben und der Lust des Lebens fusst.

Für den reformierten Pfarrerdichter ist Eros „ein elementarer Grundtrieb, in dem sich, wer weiss, der Triebgrund allen Lebens individuell manifestiert. Eros, der – so scheint es – nicht den Sinn des Lebens sucht, sondern in den Sinnen lebt und vielleicht gerade dadurch dem Sinn des Lebens am nächsten kommt.“ Ja, den Vernichtern der „Mutter Erde“ in den Arm zu fallen, um sie zu retten, „kann nur gelingen, wenn in unserem persönlichen Leben die Erotik gläubiger und der Glaube erotischer wird.“

 

[…] dass Pflanzen, Tiere, Menschen

dass alles, was lebt,

dazu ausersehen ist,

auf diesem Planeten

eine Vergänglichkeit lang

atmen, lieben, sich tummeln zu dürfen.

[…]

Ich stelle mir vor: auch

der Erdmatriot aus Nazareth

hätte das Wort Erwählung

nicht anders brauchen mögen.

                (Kurt Marti, Die gesellige Gottheit. 1989)

 

Späte Trouvaillen

Hannis Äpfel ist für mich die wichtigste Publikation zum 100. Geburtstag von Kurt Marti. Er hat diese Gedichte 2007 nach dem Tod seiner Frau Hanni Marti-Morgenthaler geschrieben, ihre grosse Bedeutung wie ihren einschneidenden Verlust verdeutlichen seine zu Lebzeiten veröffentlichten „Spätsätze“ (2010), das Motiv der Heiligen Vergänglichkeit begegnet auch im neuen Lyrikband:

Seitdem die täglich und nächtlich vertraute Zwiesprache aufgehört hat, schwinden mein Wortschatz und mein Ausdrucksvermögen.

Hoffentlich weiss sie nicht, wie unglücklich ich ohne sie bin.

Gibt es taugliche Witwer? Ich jedenfalls bin keiner.

Gott ist nie Ersatz, erst recht nicht für die lebenslang Geliebte.

In den Armen der Geliebten glaubte ich oft, dem grossen Geheimnis nahe zu sein.

Warum gibt’s keine erotische Theologie? Weil wissenschaftliche Denkweise und Sprache dem Thema nicht gewachsen sind? Allein, sind sie etwa dem Thema Gott gewachsen?

 

ach liebe ach lust – passé und verschütt!

Die von Guy Krneta, selbst Bühnenautor und Spoken Word Poet, aus dem Nachlass herausgegebenen Gedichte Hannis Äpfel sind ein berührendes Zeugnis einer alt gewordenen Liebe, voller „Zärtlichkeit und Schmerz“, so der Titel seiner berühmten Notizen aus dem Jahr 1979. Das gilt insbesondere für das Langgedicht „Hanni“, das er als kopiertes Typoskript seinen Kindern und Nächsten verteilt hat: „In kaum einem anderen Gedicht ist Kurt Marti so offen persönlich und zärtlich und zugänglich.“

 

Und nach wie vor erwache ich

selbst an dunkelsten Wintertagen

morgens um sieben,

zur Zeit, da ich jeweils

aus dem Pyjama und zu dir,

die flugs ebenfalls blutt war,

ins Nebenbett schlüpfte

zur Morgenstund

Mund an Mund,

zum Schlafvertreib

Leib an Leib –

bis zum schwarzen Tag,

da dich beim Morgenessen plötzlich

ein Hirnschlag halbseitig lähmte

und die Notambulanz kam

und mit dir

– für immer für immer –

vom Kuhnweg wegfuhr.

Seitdem ist dein Bett leer

und dein Stuhl am Esstisch

und dein Zimmer

und das ganze Haus.

 

„Es sind Betrachtungen eines Witwers, eines alleine zurückgebliebenen Orpheus im Alterslabyrinth von köstlichen Erinnerungen umsorgt und gleichzeitig von ihnen bedrängt, denn der Mangel, den er fühlt, ist unendlich“, charakterisiert Nora Gomringer treffend die Zeilen „des lebensmüd-hoffenden, sehnsuchtsvollen Mannes, der wie keiner Liebe und Lust im Alter beschreibt“. Der ein Leben evoziert, „das einmal aus Zweien bestand, eben aus Zweien im Alltag, im Miteinander und durch die Jahre“. Diese Zweisamkeit war die Erfahrungsbasis, der „Sitz im Leben“ von Kurt Martis erotischer Theologie:

 

Dein Grab, ach.

Die letzte Ruhestätte

(sagt man).

Zwischen Gesträuch und Gräbern

huschen Eichhörnchen

lautlos hin und her.

Mit fallen Rilkes

beiläufige Zeilen ein:

„Pour trouver Dieu

il faut être heureux.“

 

 

Christoph Gellner, Dr. theol., ist Experte für Literatur und (Welt-) Religion(en) und Mitglied der Gesellschaft zur Erforschung der Deutschschweizer Literatur G.E.D.L.

Kurt Marti: Hannis Äpfel. Gedichte aus dem Nachlass. Hrsg. v. Guy Krneta, Nachwort von Nora Gomringer, Göttingen: Wallstein 2021.

Ders., Heilige Vergänglichkeit. Spätsätze. Stuttgart: Radius 2010.

Gott in der Klimakrise. Herausforderungen für Theologie und Kirche, hrsg. v. David Plüss u. Sabine Scheuter, Zürich: TVZ 2021 (darin: Christoph Gellner, „…es reicht nicht aus, ‚Gott‘ durch ‚Gaia‘ zu ersetzen“. Ökospirituelle Diskurse in der Gegenwartsliteratur, 35–46).

 

Jesus Christus im Spiegel der Weltreligionen

Intensivkurs

Lassen Sie sich bewegen

 

Weihnachten angesichts der Pandemie: Allein zu Hause sein, in Solidarität mit vulnerablen Personen, auf der Suche nach alternativen Ritualen zur Besinnung, wissend um die heilsame Wirkung von Musik und Bewegung für Leib und Seele…

 

Das Lied von der Stillen Nacht, der Heiligen Nacht

An Weihnachten 1818 in Oberndorf im Salzburger Land zum ersten Mal von Xaver Gruber (Melodie) und Joseph Mohr (Text) aufgeführt, damals mit sechs Strophen, wurde das Lied in 320 Sprachen übersetzt und 2011 von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe Österreichs anerkannt. Das Lied mit den tröstenden Worten und der eingängigen Melodie verbindet Menschen unabhängig von Herkunft, Alter und Religion.

Dazu noch eine Anregung aus einem Altenheim: An Heiligabend um 16.00 Uhr wurde Jahr für Jahr ein Wortgottesdienst gefeiert, vorbereitet vom „Liturgiekreis“, also von Bewohnerinnen des Hauses, unterstützt von der Abteilung der Beschäftigungsangebote. Das Singen des Liedes „Stille Nacht, heilige Nacht“ wurde wegen seiner grossen emotionalen Wirkung nach draussen verlegt, in den Hof, in den Übergang zwischen Gottesdienst und festliches Abendessen in den Wohnbereichen. In der U-Form des Hauses konnten nun noch viele weitere Menschen aus den Fenstern zuhören und -schauen. Manchmal kamen Nachbarskinder dazu, um von den Wunderkerzen, die hierbei entzündet wurden, auch einige zu bekommen.

Wenn Sie in diesem Jahr besser andere für sich singen lassen, beispielsweise auf CD, so können Sie sich doch mit der Musik vom Wunder der Nacht bewegen lassen. In geschlossenen Räumen können Sie auch fluoreszierende Party-Armbänder nutzen, im langsamen Walzertakt als Stäbchen in der Hand oder am Handgelenk befestigt.

 

Lassen Sie sich bewegen

Manchmal haben die bekannten Advents- und Weihnachtslieder eine bewegende Geschichte… Hören Sie Weihnachtslieder aus aller Welt: Welcher kulturelle Hintergrund vollzieht sich da hörbar, welche Bräuche machen die Advents- und Weihnachtszeit aus?

Als Beispiel sei das bekannte italienische Lied „Santa Lucia“ genannt, 1849 veröffentlicht von Teodore Cottrau. Text und Melodie stammen aus Napoli. Nicht Nikolaus bringt gute Gaben am 6. Dezember, sondern die Kinder erhalten die Süßigkeiten am 13. Dezember, dem Lichterfest der Heiligen Luzia, das auch im weit entfernten Schweden gefeiert wird. Die Heilige lebte in Sizilien und brachte nachts Lebensmittel zu den Armen, den Lichterkranz trug sie zur Beleuchtung auf dem Kopf, um die Hände zum Transport der Gaben frei zu haben.

Eine sizilianische Folkloremusik, den dortigen Fischern zugeschrieben, wurde in Italien zur Marienverehrung genutzt „O sanctissima“. Den deutschen Text „Oh Du fröhliche“ widmete Johannes Falk 1815 den Zöglingen in seinem „Rettungshaus für verwahrloste Kinder“ in Weimar. Die heute bekannten Strophen zwei und drei wurden von seinem Gehilfen Heinrich Holzschuher bereits für das Weihnachtsfest 1817 hinzugedichtet. Falk gründete sein Rettungsheim, nachdem er von seinen sieben Kindern vier durch eine Typhusseuche verloren hatte.

 

Viele Kinder singen Lieder mit Bewegungen. Die Erwachsenen machen die Bewegungen zur Kinder-Weihnachtsmusik mit, lassen sich die Gestik der Lieder beibringen oder denken sich neue Choreographien aus. Je weniger kleine Bewegungswechsel und Bilder genutzt werden, desto mehr Meditation und spiritueller Ausdruck ist den meisten Menschen dann möglich.

Besitzen Sie die CDs der Jugendseelsorge Thurgau mit den Volkstänzen? Nicht alle Vorschläge sind wild, z. B. der ruhige „Sonnentanz“ oder das „rumänische Wiegenlied“, – und vieles ist auch ohne Paarübung tanzbar. Wir tanzen!

 

Das englische Weihnachtslied „Hark The Herald Angels Sing“ ist Ihnen vielleicht bekannt in der gesungenen Version von Mahalia Jackson. Diese Musik wurde von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809 – 1847) zur Ehrung der Buchdruckerkunst geschrieben, eine Verwendung für geistliches Liedgut lehnte der Komponist explizit ab. Der englische Text geht auf Charles Wesley und George Whitefield zurück und wurde 1739 zuerst veröffentlicht. Eine vom Aachener Domprobst Rolf-Peter Cremer vorgestellte deutsche Text-Version von Johannes Jourdan (1923 – 2020) stellt die Erwartungen auf den in den Mittelpunkt, der alle Erwartungen übertrifft und nichts von den Menschen erwartet.

  1. In das Warten dieser Welt fällt ein strahlend helles Licht. Weit entfernt von dem Gedränge klingt die Stimme, die da spricht:

Refrain: Sehet auf, der Retter kommt. Wachet auf und seid bereit, denn der Herr erlöst sein Volk wunderbar zu seiner Zeit. Denn der Herr erlöst sein Volk wunderbar zu seiner Zeit.

  1. In die Trauer greift Gott ein, er ist nahe dem, der weint. Dass auch in der tiefsten Not uns das Licht der Hoffnung scheint. Sehet auf, der Retter kommt…
  2. Neues Leben zieht dort ein, wo die Herzen müde sind. Gottes Geist weht durch das Land wie ein frischer Morgenwind. Sehet auf, der Retter kommt….

 

Verena Foitzik, Musiktherapeutin und Dipl. Sozialdäagogin, Aachen (D)

 

 
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