Jesus Christus im Spiegel der Weltreligionen

Intensivkurs

Lassen Sie sich bewegen

 

Weihnachten angesichts der Pandemie: Allein zu Hause sein, in Solidarität mit vulnerablen Personen, auf der Suche nach alternativen Ritualen zur Besinnung, wissend um die heilsame Wirkung von Musik und Bewegung für Leib und Seele…

 

Das Lied von der Stillen Nacht, der Heiligen Nacht

An Weihnachten 1818 in Oberndorf im Salzburger Land zum ersten Mal von Xaver Gruber (Melodie) und Joseph Mohr (Text) aufgeführt, damals mit sechs Strophen, wurde das Lied in 320 Sprachen übersetzt und 2011 von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe Österreichs anerkannt. Das Lied mit den tröstenden Worten und der eingängigen Melodie verbindet Menschen unabhängig von Herkunft, Alter und Religion.

Dazu noch eine Anregung aus einem Altenheim: An Heiligabend um 16.00 Uhr wurde Jahr für Jahr ein Wortgottesdienst gefeiert, vorbereitet vom „Liturgiekreis“, also von Bewohnerinnen des Hauses, unterstützt von der Abteilung der Beschäftigungsangebote. Das Singen des Liedes „Stille Nacht, heilige Nacht“ wurde wegen seiner grossen emotionalen Wirkung nach draussen verlegt, in den Hof, in den Übergang zwischen Gottesdienst und festliches Abendessen in den Wohnbereichen. In der U-Form des Hauses konnten nun noch viele weitere Menschen aus den Fenstern zuhören und -schauen. Manchmal kamen Nachbarskinder dazu, um von den Wunderkerzen, die hierbei entzündet wurden, auch einige zu bekommen.

Wenn Sie in diesem Jahr besser andere für sich singen lassen, beispielsweise auf CD, so können Sie sich doch mit der Musik vom Wunder der Nacht bewegen lassen. In geschlossenen Räumen können Sie auch fluoreszierende Party-Armbänder nutzen, im langsamen Walzertakt als Stäbchen in der Hand oder am Handgelenk befestigt.

 

Lassen Sie sich bewegen

Manchmal haben die bekannten Advents- und Weihnachtslieder eine bewegende Geschichte… Hören Sie Weihnachtslieder aus aller Welt: Welcher kulturelle Hintergrund vollzieht sich da hörbar, welche Bräuche machen die Advents- und Weihnachtszeit aus?

Als Beispiel sei das bekannte italienische Lied „Santa Lucia“ genannt, 1849 veröffentlicht von Teodore Cottrau. Text und Melodie stammen aus Napoli. Nicht Nikolaus bringt gute Gaben am 6. Dezember, sondern die Kinder erhalten die Süßigkeiten am 13. Dezember, dem Lichterfest der Heiligen Luzia, das auch im weit entfernten Schweden gefeiert wird. Die Heilige lebte in Sizilien und brachte nachts Lebensmittel zu den Armen, den Lichterkranz trug sie zur Beleuchtung auf dem Kopf, um die Hände zum Transport der Gaben frei zu haben.

Eine sizilianische Folkloremusik, den dortigen Fischern zugeschrieben, wurde in Italien zur Marienverehrung genutzt „O sanctissima“. Den deutschen Text „Oh Du fröhliche“ widmete Johannes Falk 1815 den Zöglingen in seinem „Rettungshaus für verwahrloste Kinder“ in Weimar. Die heute bekannten Strophen zwei und drei wurden von seinem Gehilfen Heinrich Holzschuher bereits für das Weihnachtsfest 1817 hinzugedichtet. Falk gründete sein Rettungsheim, nachdem er von seinen sieben Kindern vier durch eine Typhusseuche verloren hatte.

 

Viele Kinder singen Lieder mit Bewegungen. Die Erwachsenen machen die Bewegungen zur Kinder-Weihnachtsmusik mit, lassen sich die Gestik der Lieder beibringen oder denken sich neue Choreographien aus. Je weniger kleine Bewegungswechsel und Bilder genutzt werden, desto mehr Meditation und spiritueller Ausdruck ist den meisten Menschen dann möglich.

Besitzen Sie die CDs der Jugendseelsorge Thurgau mit den Volkstänzen? Nicht alle Vorschläge sind wild, z. B. der ruhige „Sonnentanz“ oder das „rumänische Wiegenlied“, – und vieles ist auch ohne Paarübung tanzbar. Wir tanzen!

 

Das englische Weihnachtslied „Hark The Herald Angels Sing“ ist Ihnen vielleicht bekannt in der gesungenen Version von Mahalia Jackson. Diese Musik wurde von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809 – 1847) zur Ehrung der Buchdruckerkunst geschrieben, eine Verwendung für geistliches Liedgut lehnte der Komponist explizit ab. Der englische Text geht auf Charles Wesley und George Whitefield zurück und wurde 1739 zuerst veröffentlicht. Eine vom Aachener Domprobst Rolf-Peter Cremer vorgestellte deutsche Text-Version von Johannes Jourdan (1923 – 2020) stellt die Erwartungen auf den in den Mittelpunkt, der alle Erwartungen übertrifft und nichts von den Menschen erwartet.

  1. In das Warten dieser Welt fällt ein strahlend helles Licht. Weit entfernt von dem Gedränge klingt die Stimme, die da spricht:

Refrain: Sehet auf, der Retter kommt. Wachet auf und seid bereit, denn der Herr erlöst sein Volk wunderbar zu seiner Zeit. Denn der Herr erlöst sein Volk wunderbar zu seiner Zeit.

  1. In die Trauer greift Gott ein, er ist nahe dem, der weint. Dass auch in der tiefsten Not uns das Licht der Hoffnung scheint. Sehet auf, der Retter kommt…
  2. Neues Leben zieht dort ein, wo die Herzen müde sind. Gottes Geist weht durch das Land wie ein frischer Morgenwind. Sehet auf, der Retter kommt….

 

Verena Foitzik, Musiktherapeutin und Dipl. Sozialdäagogin, Aachen (D)

 

Stille Nacht – Heilige Nacht?

 

Ob im Jahr 2020 an Weihnachten gesungen werden darf, ist zum Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen geworden. Insbesondere das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ wird häufig zitiert, erhält der Titel doch angesichts der Corona-Pandemie eine traurige Doppelbedeutung.

Ja, dieses Bild von einer stillen Heiligen Nacht ist wohl weltbekannt. Auch nicht am Christentum interessierte Menschen feiern häufig die damit gemeinte Weihnacht, also die Nacht zum 25. Dezember, als ein Fest der Familie, der Freude, des Friedens, der Liebe und der Hoffnung.

Viele Assoziationen sind dem Bild und Gedanken verbunden: Das Lied von der stillen, der Heiligen Nacht ist in viele Sprachen übersetzt, wurde von berühmten Interpreten und Interpretinnen eingesungen, ist in viele Bläser-Ensemble-Noten gesetzt oder ist als Streichorchesterwerk spielbar, es wird begleitet beispielsweise von Orff-Instrumenten etc. Den Text haben Menschen oft auswendig parat oder sie kennen mindestens die erste Strophe. Menschen sind von der Szene berührt: Eltern wachen einsam über ihr neugeborenes Kind und dessen Schlaf und Sicherheit. Es ist ein hübscher Junge, also „holder Knabe“, der da schläft in himmlischer Ruh´.

Allerdings wird das Fest selbst nicht überall auf der Welt mit Stille verbunden: In manchen Kulturen, und zumal im dritten Jahrtausend, wird das Fest der Geburt Jesu eher fröhlich, laut und bunt, mit Party, am Strand, mit oder ohne Krippe gefeiert. Es ist ein weltumspannendes Fest, das auf Sommer- oder Wintersonnenwende gleichermaßen verteilt ist.

 

Warum spielt die Musik gerade in der Weihnacht eine so große Rolle?

Eine kleine Betrachtung aus musiktherapeutischer Sicht: Alle Menschen sind musikalisch, denn sie haben eine Melodie, die Atmung, und einen Beat, den Herzschlag. Auch eine Beatmungsmaschine und ein Herzschrittmacher ändern nichts an diesen beiden musikalischen Parametern, solange wir am Leben sind.

Die Trennung von Bewegung und Musik ist historisch und soziologisch als Kulturentwicklung einzuordnen. Ebenso muss die Selbsteinschätzung mancher Menschen, „unmusikalisch“ zu sein, als Lernerfahrung gewertet werden. Mutmasslich ist Gesang aus Sprache und dem Nachahmen von Tierrufen entstanden, das Stampfen als frühe Tanzform zu sehen und Klatschen als erste Instrumentennutzung. Ähnlich darf das Zusammenführen der Handflächen zur inneren Sammlung oder Meditation als gemeinsame menschliche spirituelle Haltung gesehen werden.

In verschiedenen kulturellen Kontexten nutzt und nutzte man die Musik und ihre Wirkung z. B. zur Meditation, für Feste, zum Trauern oder zur Heilung erkrankter Menschen, aber auch zur Steigerung der Kampfbereitschaft im Krieg.

Abraham Maslow (1908 – 1970), ein amerikanischer Psychologe, hat die Bedürfnisse des Menschen in eine fünfstufige hierarchische Pyramide eingeteilt. Sie besagt, dass ein Individuum zunächst die Grundbedürfnisse, wie Schlaf Hunger und Durst, befriedigen muss, dann für seine Sicherheit sorgt, zu der auch Kleidung und Unabhängigkeit zählen. Danach ist der Mensch mit seinen sozialen Bedarfen, wie Lob, Vertrauen sowie der Wertschätzung beschäftigt, zu der auch Kompetenzerwerb und Geldverdienen gehören und schließlich mit dem Bedürfnis nach Selbstentfaltung, zu der auch die Religion zählt. Die Bedürfnisstufen können nicht dauerhaft übersprungen werden.

Musiziert hat der Mensch also offensichtlich bereits in dem Moment, als er sich niederließ und nicht mehr nur von der Jagd lebte. Zunächst war Musik für spirituelle Zwecke bestimmt, in einigen Kulturen gilt das bis heute. Und Tanz, spiritueller Gesang und Body-Percussion sind manchmal eine Einheit geblieben, z. B. in Bali oder Kamerun.

Weihnachten verbindet musikalisch gesehen das Bedürfnis, innere emotionale und kognitive Vorgänge, wie Glaube, Hoffnung, Liebe, Freude, Frieden auszudrücken, und gleichzeitig kommt Bewegtheit über Rituale auf, wie z. B. das als schön empfundene Weihnachtslieder singen. Die Erinnerungen bahnen sich gerade in der Musik ihren Weg zur Wahrnehmung, und der Trost in der Botschaft der Geburt eines kleinen Kindes erreicht den Menschen gleichsam einem Wiegenlied.

 

Musik wirkt immer.

Musik ist von Anfang an sowohl ein Mittel, um innere Vorgänge auszudrücken, als auch eine Quelle für das persönliche Wohlbefinden. Es gibt allerdings keine richtige oder falsche Musik und auch keine bestimmte Musik, die für alle Menschen die gleiche Wirkung hat. Ob sie uns guttut oder ob sie dem Individuum angenehm ist, hängt jeweils von der passenden Musik im passenden Moment ab.

Der französische HNO-Arzt Dr. Alfred Tomatis (1920 – 2001) beschäftige sich vor allem mit der Verbindung von Stimme, Gehirn und Ohr. Mitte des letzten Jahrhunderts fand er heraus, dass Menschen schon vor der Geburt im Mutterleib hören können, Töne müssen in etwa klingen wie Gesänge der Wale. Eine besondere Bedeutung hat dabei die hohe Stimme, aber auch die tiefere Stimme (des Vaters) ist dem Baby ggf. bereits nach der Geburt bekannt.

Und der Mensch kann hören bis zum Tod, ja, er muss es sogar. Denn das Ohr kann man nicht wie die Augen schließen. Auch Hörgeschädigte hören in der letzten Lebensphase wieder mehr. Manche Menschen hören die Sprechstimme schon lange nicht mehr, können aber noch Töne in bestimmten, eingeschränkten Frequenzbereichen vernehmen. Verschiedene Gehörerkrankungen bewirken ein verzerrtes oder schemenhaftes Hören. Laute Musik, starke Rhythmen oder Höhenextreme erklingen bei Höreinschränkungen besonders verändert.

 

Musik bewegt uns.

Im wahren Wortsinn schwingen wir mit und emotional kommt die Bewegtheit deshalb zum Tragen. In neurologischen Forschungen wurden Hirnreaktionen auf Musik registriert. Die Schwingungen können schmerzlindernd sein, aber auch schmerzhaft oder unvorteilhaft. In jedem Fall wirkt Musik.

Sie können dazu selbst einen kleinen Test machen: Füllen Sie eine Klangschale mit etwas Wasser und lassen Sie die Klangschale durch festes Kreisen des Schlegels am oberen Rand dauerhaft ertönen: Das Wasser zeigt die Schwingungen als Kräuselung und schließlich mit Spritzen deutlich an. Im menschlichen Körper, besonders in der Gehirnmasse, ist recht viel Wasser enthalten, so schwingen auch wir Menschen.

 

Musik ist sehr intim.

Da sie uns immer erreicht (organisch) und Emotionen auslöst (physikalisch) sind wir mit Musik sehr nahe am Gegenüber. Deshalb muss besonders beim Musizieren der Ausgleich zwischen Nähe und Distanz beachtet werden. Dies gilt auch für Differenzen bezüglich Musik-Vorlieben. Es kann eben sehr schön sein, in einer Gruppe Weihnachtslieder zu singen und ein „Wir-Gefühl“ zu erleben. Ein Gegenbeispiel für die negative Auswirkung des Hörens von Musik in der Gruppe wäre das Gefühl der Einsamkeit, das sich bei guter Partymusik mitten unter fröhlichen Menschen auf der Tanzfläche einstellen kann, weil man sich persönlich gerade nicht in Partystimmung befindet. In der therapeutischen Einzelarbeit mit Musik müssen die Signale des Gegenübers sehr deutlich und aufmerksam beobachtet werden und das weitere Vorgehen entsprechend angepasst werden.

 

Musik weckt Emotionen und unterstützt den Ausdruck von Emotionen

Auch Emotionen sind bereits vorgeburtlicher Natur. Erinnerungen reichen im Unterbewusstsein ebenso in die pränatale Phase zurück. Ausser unseren fünf Sinnen haben wir noch die Emotionen und die Erfahrungen, die zusammen mit der Gedankenleistung des Gehirnes unsere Wahrnehmung und Verarbeitung der immer neuen Einflüsse prägen. Emotionen und Erinnerungen bleiben auch bei erworbener Hirnschädigung durch Schädeltraumata, bei Stürzen und Unfällen, oder durch Erkrankungen, wie Demenz, erhalten, auch wenn sie nicht verbalisiert werden können. In der Regel wird die emotionale Wahrnehmung bei Ausfall der Sinne oder der Kognition, wie beim Apallischen Syndrom (früher Wachkoma) oder bei einer Immobilität durch schwere körperliche und funktionale Störungen und damit verbundenen Behinderungen besonders geschärft.

Vier Grundgefühle differenziert ein Mensch im Laufe seines Lebens aus: Wut, Angst, Trauer und Freude. Während Wut den Angriff antreibt und Angst die Flucht, sind Freude und Trauer körperliche Entspannungszustände, die ihre Ausdrucksform benötigen. Die sogenannte „emotionale Abfuhr“ ist folglich nicht nur zur Erhöhung der Lebensqualität unabdingbar, sondern existenziell menschlich notwendig, um an Leib und Seele (Vitalität und Psyche) gesund, weil integer zu bleiben.

 

Vitalität und Psyche des Menschen werden also durch Musik positiv beeinflusst?

Gerade beim Singen wird die Atemmuskulatur präventiv gestärkt, das Gehirn durch oben genannte Schwingungen bewegt, die Erinnerung an Liedtexte erhält besonders bei älteren Menschen die Ressourcen. Dies führt in „Corona-Zeiten“ zu einer paradoxen Situation: Singen ist nicht angezeigt, weil die Aerosole beim Singen eine größere Reichweite haben als beim Sprechen.

 

Kehren wir zurück zur Heiligen Nacht 2020. In unserem Umfeld wird die stille Nacht in diesem Jahr stiller als üblich sein, verursacht durch eine Pandemie, die die Menschheit zwar weltumspannend sozusagen „schicksalshaft“ verbindet, aber zugleich im Einzelfall sehr einsam machen kann?

Ja, unser Bewegt-Sein vom Geschehen kann zwar nicht im Gesang Ausdruck finden und keine Bachtrompete kann die Emotion herausspielen, die festliche Stimmung beim klassischen Weihnachtskonzert wird nicht live erlebbar sein.

Wir Menschen müssen uns also ohne Gesang annähern. Wir sollten neue Rituale erfinden, um die Botschaft des Festes der Hoffnung, des Friedens und der Liebe gerade unter „Corona“-Bedingungen erfahren und teilen zu können. Oder lassen Sie andere für sich singen. Und Bewegung ist auch in der Stille möglich.

Vielen Dank für die heilsamen Gedanken und Anregungen!

 

Literaturtipps:

Michels, Ulrich: DTV Atlas zur Musik, Band 1 und 2, 4. Auflage 2008: Erscheint aktualisiert in immer neuen Auflagen. Band 1: Systematischer Teil (u.a. Entstehung von Musik, kultische Zwecke, Wellen und Schwingungen von Tönen), Musikgeschichte von den Anfängen bis zur Renaissance; Band 2: Musikgeschichte vom Barock bis zur Gegenwart (u.a. auch Improvisation).

Gruhn, Winfried: Kinder brauchen Musik – Musikalität bei kleinen Kindern entfalten und fördern, Beltz-Verlag Weinheim, Basel, Berlin 2003. Das Buch soll Angehörige wie Professionelle unterstützen, die musikalische Entwicklung von Kindern zu sehen und individuell passend zu fördern. Besonders: Kapitel „Musik und ihre Wirkung“.

Hess, Peter, Zurek, Petra Emily: Klangschalen – Mit allen Sinnen spielen und lernen; Kösel-Verlag München; 2. Auflage 2011

Kreusch-Jacob, Dorothee: Musikerziehung; Don Bosco Verlag München 1995; „Elementare Musik ist nie allein, sie ist mit Bewegung, Tanz und Sprache verbunden, sie ist eine Musik, die man selbst tun muss, in die man nicht als Hörer, sondern als Mitspieler einbezogen ist… Carl Orff“

Theilen, Ulrike: Mach Musik! Rhythmische und musikalische Angebote für Menschen mit schweren Behinderungen; Ernst Reinhard Verlag München Basel 2004

Zimmermann, Jürgen: JUBA – Die Welt der Körperpercussion; Techniken, Rhythmen, Spiele; 2. Auflage 2000; Fidula-Verlag, Boppard am Rhein

 

Verena Foitzik, Musiktherapeutin und Dipl. Sozialdäagogin (FH), lebt und arbeitet in Aachen (D).

Auf Weihnachten zu

 

göttlicher seitenwechsel

vom himmlischen thron

in einen futtertrog

 

statt in kultisch weisser weste

unrein bei den ausgesetzten

 

raus aus dem männerclub der patriarchen

der frauenfreund lässt sich berühren

 

der könig aus der andern welt

gekreuzigt wie ein sklave

 

aus der kalten gruft der toten

transit in ein grenzenloses land[1]

 

 

sind so kleine füsse

das kind von betlehem

im winzigen das wunder

 

nicht auf grossem fuss

im kleinsten ein glanz

 

jedes menschenkind

ein fussweg zu gott[2]

 

 

geht mir nach

schuhgrösse unbekannt

er ging barfuss

 

du musst dich nicht

in fremde stiefel zwängen

 

in seinen fussstapfen aber

leuchten göttliche spurenelemente

 

nur wenn du ihn von innen spürst

folgst du wirklich seinen spuren[3]

 

 

[1]Andreas Knapp: ganz knapp. Gedichte an der Schwelle zu Gott, Echter: Würzburg 2020, 88.

[2]Ebd., 84.

[3]Ebd., 89.

Der Unfehlbare

 

Dieser Beitrag ist in gewisser Weise das Antidot zu meiner anderen Besprechung in dieser Ausgabe von «Prisma». Hubert Wolf, der wohl kenntnis- und einflussreichste Spezialist für die kirchengeschichtliche Epoche seit der französischen Revolution, zeichnet nämlich in seinem aktuellen Buch «Der Unfehlbare» nach, wie das Papsttum in seiner heute gültigen Form und Gestalt erst im Laufe des 19. Jahrhunderts geschaffen worden ist.

 

Wenn wir heute eine Sozialenzyklika wie «Fratelli tutti» lesen und dabei gar nicht mehr hinterfragen, warum und wieso der Papst überhaupt auf die Idee kommt, etwas zum angemessenen Zusammenleben nicht nur der Christinnen und Christen weltweit, sondern sogar letztlich aller Menschen zu sagen – dann ist das auch ein Ergebnis einer völligen Neukonzeption des Papsttums im vorletzten Jahrhundert.

Den Weg dorthin erläutert Wolf entlang der Vita des Mannes, der später als Papst Pius IX. sowohl den berüchtigten «Syllabus Errorum» (eine Verdammung von 80 Irrtümern der zeitgenössischen modernen Welt) verfassen als auch beim 1. Vatikanischen Konzil mit der Hilfe einflussreicher Fürsprecher dafür sorgen wird, dass das päpstliche Lehramt fürderhin unter bestimmten Umständen als unfehlbar zu gelten hat: Giovanni Maria Mastai Ferretti (1792 – 1878). In der italienischen Provinz in eine Adelsfamilie hineingeboren, ist er zunächst ein glühender Verehrer Napoleons und lebt ein seiner adeligen Herkunft angemessenes Leben. Wolf stellt anschaulich und informativ dar, welche schwierigen Auswirkungen die Jahrzehnte nach der Französischen Revolution für die Kirche, ihre Vertreter und ihre Güter haben. Durchaus kann man Verständnis dafür aufbringen, dass der schliesslich Priester gewordene Mastai Ferretti seine jugendlichen Idealisierungen gegen eine gewisse Distanz gegenüber der neuen Zeit eintauscht, zumal der Kirchenstaat, der damals weite Teile Italiens umfasst, in seiner Existenz immer stärker bedroht wird – mit potenziell weitreichenden Auswirkungen auf seine weitgehend agrarisch lebende Bevölkerung. Dass sich diese Distanz aber schliesslich zu einem geradezu übersteigerten Hass auf die Moderne mit ihren Freiheitsrechten und zu einer vollständigen Ablehnung der neuen Gesellschaftsordnung ausweitet – das hat auch viel mit dem leicht beeinflussbaren Charakter des Papstes und seinen mächtigen Einflüsterern zu tun, wie Wolf hier ausführlich und mit feiner Ironie nachzeichnet.

 

Dass die Kirche nach seinem Pontifikat, übrigens das längste (1846-1878) in der ganzen Geschichte des Papsttums, erscheint wie ein bis an die Zähne bewaffnetes Bollwerk gegen die Moderne, dass Pius IX. und seine Mannen dafür sorgen, dass der Katholizismus vereinheitlicht wird und viele Traditionen neu erfunden werden – das gibt uns heute den Schlüssel, um den Reformstau auf vielen Ebenen in der katholischen Kirche richtig zu deuten.

Denn auch wenn das 2. Vatikanische Konzil den Schlussstein hinter die Ära Pius IX. gelegt hat und die Türen der Kirche für die wirkliche, nicht nur kirchliche Wirklichkeit weit geöffnet hat: Viele erfundene Traditionen und scheinbar kirchliche Ewigkeiten prägen die Kirche bis heute, werden ganz normal zu dem Bestand gezählt, von dem es heisst, er sei «gut katholisch».

 

Um zum Anfang dieses Beitrags zurückzukommen: In einem beeindruckenden Schlusskapitel stellt Wolf dar, wie fundamental Pius IX. mit seinem Pontifikat das allgemeine Verständnis davon, was zur Rolle, mithin zu den Aufgaben und Pflichten des Papsts gehört, geprägt hat. Als erster «Medienpapst» der Geschichte war er nämlich nun als Person sichtbar für alle, seine Auftritte konnten medial verfolgt werden, seine Aussagen hinterfragt und gedeutet – es begann dadurch insgesamt eine Zentrierung auf den Papst, der zunehmend als alleiniger Repräsentant der ganzen Kirche wahrgenommen wurde. Auch wenn sich seine Nachfolger bis zu den Päpsten unserer Tage in Gestus, Theologie und Botschaft radikal von ihm unterscheiden: Dass die Ortskirchen bei allen schwierigen theologischen Streitfällen immer zuerst nach Rom schauen, dass der Papst weltweit und über alle Religionsgemeinschaften hinweg eine so tonangebende Rolle spielt, dass Sozialenzykliken auch von Menschen gelesen werden, die religiös völlig unmusikalisch sind – das ist auch das Ergebnis des Pontifikats eines kleinen italienischen Landadligen vor über 150 Jahren.

Michael Hartlieb

 

Hubert Wolf, Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert. München: C.H. Beck 2020.

 

Fratelli Tutti

 

Hand aufs Herz: Woran denken Sie, wenn Sie das Wort «Polyeder» lesen? Wenn Sie von der Ferne der Eindruck anweht, dass Sie den Begriff schon einmal im Matheunterricht gehört hätten: Wunderbar, Sie sind auf der richtigen Spur. Das Polyeder ist laut Wikipedia «eine Teilmenge des dreidimensionalen Raumes, welche ausschließlich von geraden Flächen (Ebenen) begrenzt wird, beispielsweise ein Würfel.»

Hand wieder aufs Herz: Hätten Sie vermutet, dass das Polyeder für Papst Franziskus die Idealgestalt unserer Weltgesellschaft ist, wie er sie in seiner im vergangenen Oktober erschienenen neuen Sozialenzyklika Fratelli tutti entwirft?

Wenn Sie auf diese Frage überrascht «Nein» antworten, geht es Ihnen wie mir: Auch ich war zunächst von diesem Wort im Kontext eines päpstlichen Schreibens sehr irritiert. Doch dann erinnerte ich mich daran, wie sehr der Papst eine unmittelbare, poetische, überraschende und häufig auch irritierende Sprache schätzt, mit der er weite Leserkreise auch abseits theologischer Zirkel ansprechen will.

Und ich erinnerte mich an die wirkmächtigen Sprachbilder vergangener Schreiben des Papstes, die sich bei mir festgesetzt haben: allen voran die «verbeulte Kirche», eine «Wirtschaft, die tötet» (beide Evangelii Gaudium) oder die «anthropozentrische Masslosigkeit» (Laudato si’).

Unterstellen wir dem Papst aber nicht, dass er solche sprachgewaltigen Bilder (und die aktuelle Enzyklika fügt diesen noch viele weitere hinzu, etwa die «mafiöse Pädagogik» krimineller Halbweltgestalten oder auch den «oberflächlichen Wortschwall» heutiger Medienlandschaften) einfach nur des Effektes wegen einsetzt. Mit ihnen ist die Hoffnung verbunden, sozialethische Anliegen plastisch werden zu lassen, eingängige Formulierungen für oft sehr komplexe gesellschaftliche Vorgänge zu finden.

 

Und so ist auch das Polyeder ein gelungenes Sprachbild, das den Kerngedanken dieser Enzyklika verdeutlicht: Belastbare, echte menschliche Geschwisterlichkeit entwickelt sich für Franziskus da, wo die Unterschiede zwischen den Menschen nicht einseitig eingeebnet, kolonisiert oder neutralisiert werden, sondern da, wo Menschen ihre Menschenwürde wechselseitig achten und dadurch die Vielfalt in der Menschengemeinschaft als Wert bestehen bleiben kann. Nicht ein perfekter geometrischer Körper wie die Kugel schwebt dem Papst somit als Ideal vor Augen, sondern viele kleine lokale Flächen, die wiederum mit zahlreichen anderen lokalen Flächen verbunden sind und aufs Ganze gesehen einen Zusammenhalt bilden.

Dieses Ideal entwickelt der Papst im klassisch gewordenen sozialethischen Dreischritt «Sehen-Urteilen-Handeln». Im ersten Teil seiner Schrift prangert er die zahlreichen Entwicklungen unserer Zeit an, die Menschen einander fremd werden lassen. Hier wendet er sich gegen das Wiedererstarken des Nationalismus ebenso wie gegen einen übersteigerten Individualismus, gegen den Neoliberalismus ebenso wie gegen die Tendenz sozialer Plattformen, Hassgruppen eine wohl abgeschottete Filterblase zu bieten. Auch wenn man dem Papst hier bei vielen seiner prägnant formulierten Aussagen grundsätzlich folgen mag, wünscht man sich an mancher Stelle doch mindestens einen freundlichen Nebenblick auch auf die positiven Entwicklungen der vergangenen Jahre. So entzweien die heutigen Kommunikationsmittel ja nicht nur, sondern sie ermöglichen auch wertschätzende Kommunikation zwischen Menschen, die sich ansonsten niemals kennengerlernt hätten.

 

Was die Rede von der Geschwisterlichkeit praktisch bedeutet, entfaltet der Papst in den folgenden Kapiteln. Hier sind inhaltlich-theologisch keine wesentlichen Neuerungen zu den früheren Enzykliken auffällig, sondern es wird unter dem Gesichtspunkt der Geschwisterlichkeit beleuchtet, wie Besitz (eher weniger als mehr), Wirtschaft (gemeinwohlorientiert), Unternehmertum (schützt die Würde des Arbeiters!), Politik (Populismus muss heissen, vom Menschen her zu denken), Medien (wahrheitssuchend) Demokratie (beteiligungsfördernd) … zu verstehen und zu leben sind. Deutlich positioniert sich der Papst gegen Todesstrafe sowie Krieg – ein weiteres Signal für den kritischen Blick des Papstes auf unsere Gegenwart, die solches (wieder) notwendig macht.

 

Wer bereits die früheren Schriften des Papstes kennt, wird also eine grosse Kontinuität in den Themen und den Standpunkten feststellen – was auch daher rührt, dass sich der Papst über weite Strecken selbst zitiert. Gehörte es nämlich sonst eher zum guten Ton päpstlicher Enzykliken, vor allem die eigenen Vorgänger durch häufiges Zitieren zu ehren, erscheint der Text an mancher Stelle wie ein Kompilat diverser Reden und früherer Veröffentlichungen. Das macht die Lektüre nicht immer einfach. Sympathisch wiederum ist, dass der Papst wichtige Aussagen von den unterschiedlichen Bischofskonferenzen der Weltkirche zitiert; erkennbar wird darin das Anliegen, die vielfältigen kirchlichen Stimmen erklingen zu lassen.

Allerdings – und das ist durchaus kritisch zu verstehen – hat der Papst wieder einmal vollständig ausgeblendet, dass es tatsächlich Menschen mit zwei X-Chromosomen gibt, die auch als Zitatgeber taugen würden. Ein ärgerlicher Missstand! Schieben wir dies einmal auf einen möglichen Mitverfasser des Textes, der dann auch an manch anderer Stelle geschlampt hätte: Einige Gedanken finden sich nicht nur einmal im Text sondern mehrmals, ebenso erstaunt an anderer Stelle ein ganzer Abschnitt mit einer fast wissenschaftlichen Argumentation für ein differenziertes Verständnis populistischer Praktiken.

 

Die durchaus vorhandenen Schwächen des Textes sind neben dem Problem der schieren und kaum zu bändigenden Fülle an Inhalten und Perspektiven jedoch als gering einzuschätzen neben dem grossartigen Schlussteil der Enzyklika, der Geschwisterlichkeit auf den interreligiösen Dialog ausbuchstabiert und die grosse Wertschätzung verdeutlicht, die Papst Franziskus Menschen anderen Glaubens entgegenbringt. Im Ganzen ist die Sozialenzyklika deshalb eine gewinnbringende Reflexion auf die grossen Themen seiner Zeit als Kapitän einer Kirche, die in stürmischen Gewässern unterwegs und in mancherlei Hinsicht reif für die Werft ist.

Von daher ist die Lektüre der Sozialenzyklika unbedingt zu empfehlen, die von Jürgen Erbacher auch noch stimmig und mit einigen hilfreichen Bemerkungen eingeführt wird.

Michael Hartlieb

 

 

Papst Franziskus: Fratelli tutti. Enzyklika über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft. Mit Einführung und Register. Ostfildern: Patmos 2020.

Ins Innere hinaus

 

Während in der Schweiz zum 100. Geburtstag des grossen Theopoeten Kurt Marti (1921-2017) ausgewählte Predigten neu erscheinen, bringt der Suhrkamp Verlag einen weiteren Essayband des Dichters und Theologen Christian Lehnert (*1969) heraus. Viel beachtet wurden zuletzt seine Fliegenden Blätter über Kult und Gebet «Der Gott in einer Nuß»  .

 

Lauschen ins Offene

Bei seinem neuen Prosabuch «Ins Innere hinaus. Von den Engeln und Mächten» schwebte dem für seine Lyrik mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Autor so etwas wie eine «Geschichte der unsichtbaren Welt in einzelnen Blättern» vor. Sie alle kreisen um die spirituell herausfordernde Frage: Wie kann das Numinose, in der postsäkularen Welt von heute, zu einer progressiven Kraft werden, die die vorherrschenden, scheinbar festgefügten Weltbilder unterwandert und verflüssigt?

Das liest sich dann so: «Ich lebe in einer entzauberten Welt, aber sie fasst und hält mich nicht ganz. Ich muss keine Angst haben vor dem Unerklärlichen und habe doch Angst – vor den allgegenwärtigen Erklärungen, die mich absichernd in sich einschliessen. Es ist dieser merkwürdige Schwebezustand, der mich nach numina fragen lässt. (Während doch um mich her die professionellen Mittler der Transzendenz, die Kirchen und ihre Theologie, sich ihrer Begriffe meist viel zu gewiss sind und ich mich mühen muss, mit ihnen zu glauben. Ich meine damit: lauschen ins Offene, das mit dem Wort ‘Gott’ aufbricht, lauschen und hoffen.)»

 

Zeitgemässe Unzeitgemässheit

«Engel schirmten einst die Gottheit ab – Antiköper, ein schwärmender Wall. Wächterengel sogen auf, was allzu Menschliches in die Gottesvorstellungen eindrang. Sie hielten die Transzendenz rein, fegten sie aus», eröffnet Lehnert eine «T-Zellen» überschriebene Prosaskizze. «So vermissen wir sie heute in den meisten religiösen Ökosystemen Mitteleuropas – die Schutzgeister der Gottesfurcht. Sie könnten den Gott unbelästigt halten von den vielen Überfällen einer geborgenheitsheischenden Wohlstandsfrömmigkeit. Allen übergriffigen Sprachschmutz könnten sie aufzehren als rege Abwehrzellen, welche die Keime diesseitiger Erwartungen von Glück und höherer Selbstbestätigung abbildend zersetzten. Wir entbehren ihre reinigenden Zuarbeiten, die in Spiegelungen geschahen, in der Gestalt von dienstbaren, wohlmeinenden Schutzengeln und freundlichen Lebensbegleitern, die allen, die es bedurften, jederzeit und überall zuflüsterten: ‘Du bist geliebt und gut, so wie du bist!’ Sie konnten Gott davor schützen, dass ihm solche Worte in den Mund gelegt wurden.»

«Die Engel, Bewohner der Grenzen, die Resonanzgestalten, die einst im unsicheren Zwischenreich von Mensch und Gott pulsierten, sind verflogen. Es ist winterlich still geworden in der geistigen Welt. Zurück liessen sie die leblosen Spuren ihrer selbst, den Engelsramsch und die rasant wachsenden Populationen der niedlichen esoterischen Dienstleister, die für Wohlbehagen sorgen», so lautet Lehnerts Zeitkritik, doch liegt ihr eine ganz eigensinnige Diagnose zugrunde: «Nicht die Engel verfielen, sondern die Sinne der Menschen, wenn sie nach innen gerichtet waren.»

 

Im Hallraum christlicher Mystik und negativer Theologie

An der Gottesvision des Propheten Ezechiel («auf dem Thron sass einer, der aussah wie ein Mensch») verdeutlicht Lehnert den Titel des Buchs: Demnach käme «die erschütterndste Offenbarung aus dem Inneren des Menschen, dorther, wo er nichts von sich weiss, ‘innerer als mein Innerstes’, interior intimo meo (Augustinus) […] die Gottheit, die sich mir zeigt, ein Tiefenselbst als unendlicher Raum.»

Engel werden in den biblischen Erzählungen – das zeigt Lehnert in erhellenden Exegesen von Gethsemane über Hagar und Jakob bis zu Elija – «als bestimmende fremde Kräfte im Innern erlebt. Engel tragen […] in sich selbst den Riss zwischen dem antwortenden Verstehen, das sie als etwas erfasst, und dem Einstich des Unbekannten […] Sie sind sagbar, indem sie auf das Unsagbare zeigen – und darin verschwinden. Ein Engel ist eine Chiffre für die Erscheinungsweise der Transzendenz als Überschreitung

Die Crux allen Nachsinnens über eine Körperlichkeit der Engel? Sie «fallen als Kreaturen entweder schwerfällig zurück auf die Seite der Menschen, oder sie schweben haltlos davon ins unvorstellbare All-Nichts der Gottheit […] Besteigen wir ein anderes Vehikel: Engel sind Bewegungsformen […] Sie ziehen unentwegt ‘hinüber’, treiben in die Transzendenz oder vor ihr her, ohne jemals anzukommen […] Anders gesagt: Engel sind Kurzschlüsse, blitzartig gezündet zwischen unvereinbaren Polen, als Wunder, Unvorhersehbares, als Verwandlungskräfte. Sie durchschlagen schockartig die gewohnten Verläufe.»

 

Poesie, Musik, Resonanz

Luther beschrieb den Menschen als «ein Tier mit Vernunft und einem Herzen, das dichtet, das Bilder findet und ‘fingiert’», zitiert Lehnert den Reformator in dem ursprünglich in der NZZ erschienenen Textabschnitt «Lutherische Einbildungen». «In dieser dissonanten Formulierung senkt Luther den Menschen ganz ins Tierhafte ein und findet ihn zugleich in einer anderen Sphäre, sieht ihn mit den Engeln, den Boten aus dem Zwischenreich des Möglichen und Verborgenen, flanieren ins noch Ungewordene […] Der Mensch ist nicht nur ein Lebewesen mit Vernunft […] er ist zugleich nicht ganz in der Gegenwart der Fakten, in den Analysen und im Machbaren zu Hause; seine Fühler streckt er ins Imaginäre, in ein Dichten und Bilden und Schauen des noch nie Gesehenen, des Undenkbaren. Das betrifft bei Luther auch den Kern der religiösen Existenz: ‘Fides creatrix divinitatis’, sagt er, der Glaube ist der Schöpfer der Gottheit. Jeder Glaubende dichtet und bildet sich seinen Gott, seine Gottesvorstellung. Poesie ist dem Glauben zu eigen wie der Atem dem Leben.»

Vom poetischen Prinzip der hebräischen Psalmen, dem parallelismus membrorum, kommt Lehnert im Abschnitt «Musica» zur Doppelchörigkeit von Engel und Menschen, die eine Grundtatsache aller Existenz in eine Szene übersetze: «Niemand wird allein geboren. Alles, was ist und sich seiner bewusst wird, hat einen Umraum, ein Gegenüber, eine Begleitung […] Engel, als Erstlinge der Schöpfung, verbleiben im ursprünglichen Dual aller Existenz. Sie singen nicht für sich, sondern einer zum andern […] Ein religiöser Grundton, eine Urresonanz leitet die Stimmen der Engel: Niemand ist für sich, wie auch ein Engel nicht für sich ist, sondern gespiegelt in einem anderen, der oder das mit ihm erscheint und dem er sich in seinem Erscheinen verdankt. Ein Ton wird nur wirklich, wenn er irgendwo schwingt – wenn sich also ein Gehör findet. Und der Hörende weiss von sich als Hörendem nur durch fremden Gesang. Doppelchörig ist alles Leben, gesungen von einem zum anderen.»

Christoph Gellner

 

Christian Lehnert: Ins Innere hinaus. Von den Engeln und Mächten, 239 S., Suhrkamp: Berlin 2020.

Musikalische Offenbarungen im «Spiritual Jazz»

 

Der Vorrang des Wortes

Auch wenn sich die unterschiedlichen Ausfaltungen des Christentums in Europa und auch weltweit in bestimmten Auslegungsfragen des Glaubens der Glaubenspraxis stark unterscheiden, haben sie doch alle eine grosse Gemeinsamkeit: Es gilt der Primat des Wortes. Praktisch alles, was auch nur irgendwie mit dem Glauben zu tun hat, ist in eine schlechthin ungeheure Menge an Worten gefasst: Die Bibel als Urdokument des Glaubens ebenso wie die gesamte Glaubenslehre, die sich in Texten austauschende Theologie ebenso wie die kirchlichen Riten und das Leben der Gemeinden: Worte, Worte, ungeheure Mengen an Worten, die alle versuchen, eine letzte, geheimnisvolle Botschaft vermittelbar zu machen oder sich mit dieser ausdeutend und verstehen-wollend beschäftigen.

 

Einem anderen Weg, dieses Geheimnis auszudrücken, will dieser kleine Essay auf die Spur kommen: dem „Spiritual Jazz“. In den 1960er Jahren war dieser als eine stilprägende Strömung des Jazz entstanden, die mit der kirchenmusikalischen Tradition Europas nur wenig zu tun hatte und eher die existenzielle Verbindung des Musikers mit seinem Instrument transzendierte. Heute erlebt dieses Genre mit jungen Musikern wie Kamasi Washington eine zweite Blüte. Doch schauen wir uns doch zunächst einmal noch näher das Verhältnis der Religionen zu Wort und Musik an, bevor dann mit John Coltrane zunächst der Heros des Spiritual Jazz in den Mittelpunkt rücken wird.

 

Buchstaben, die letztlich eine Leerstelle der menschlichen Sinneserfahrung ausfüllen: Das ist eigentlich eine sehr tröstliche Vorstellung. Dazu passt trefflich, dass dem tiefsinnigen Johannesprolog zufolge ja in Jesus Christus das Wort selbst Fleisch, also Mensch geworden ist. Eine größere Ehrung des Wortes ist (wenngleich das griechische „logos“, das im deutschen als „Wort“ übersetzt wird, wesentlich vieldeutiger ist!) kaum vorstellbar – und sie ist jedem Menschen eingängig, in dessen Geist sich aus Worten und der Phantasie ganze Welten aufbauen. Umgekehrt weiss Johannes, dass sogar das „Wort bei Gott“ ist, und wir sollten tatsächlich hoffen, dass Gott das Wort so liebt wie wir Menschen – denn unsere Gespräche mit ihm in Gebeten und allen sonstigen Lebenslagen: Auch das wieder in der Hauptsache … Sie ahnen es.

Worte müssen in Beziehungen zueinander gesetzt werden, sonst kann man sich nicht verständlich machen. Es braucht einen Wortschatz, über den möglichst viele Menschen verfügen, es braucht Konventionen über den korrekten Gebrauch von Worten, also eine Grammatik, und es braucht nicht zuletzt die stillschweigende Übereinkunft aller Beteiligten, dass sich mit Worten tatsächlich etwas Sinnhaftes aussagen lässt, das zudem menschlich-rationalen Kriterien genügt.

In Zürich befindet sich mit dem Cabaret Voltaire ein Ort, an dem mit dieser Konvention auf berühmte Weise gebrochen wurde: „Dada“ wurde dort aus der Taufe gehoben, auch und gerade als Protest gegen die kriegsführenden Mächte, die mit ihrer Propaganda den 1. Weltkrieg heraufbeschworen hatten. Worte sind nicht unschuldig und naiv, die Strategie der Dadaisten war es, mit ihren Lautgedichten und Textspielereien genau dies deutlich zu machen.

 

Wieder zurück: Es ist leicht zu erkennen, welche Aufgaben aus den Rationalitätsansprüchen der Sprache für die Theologie, für die Art und Weise, vom Glauben zu sprechen, erwachsen – und auch welche ungeheuren Schwierigkeiten: Wie kann man etwas durch Worte begreifbar machen, das letztlich ausserhalb des Sagbaren liegt? Paradox ausgedrückt: Wie bringt man einen Gott, der sich im Hauch eines verwehenden Schweigens (1Kön 19,12) offenbart, in Sprache? Der deutsche Politikberater Erik Flügge hat auf diese Problematik vor einigen Jahren in seinem Bestseller „Der Betroffenheitsjargon. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ hingewiesen. Aber selbstverständlich ist das Problem schon viel älter, genauer gesagt: genauso alt wie das Christentum selbst, zweifelt doch schon der Apostel Thomas ganz eindrücklich an den in Worten an ihn gerichteten Zeugnissen und fordert dagegen handfeste Beweise ein. Die „Antwort“ des Auferstandenen ist so provozierend wie zielführend: Er lässt seinen Apostel die Wahrheit im wahrsten Sinne fühlen, indem er dessen Finger in die vom Speer des römischen Soldaten geschlagene Wunde führt. Merke: „Wer nicht hören will, muss fühlen!“ Oder vielmehr: Worte können eben nicht alles vermitteln, was wichtig und notwendig für das ganzheitliche Verstehen und Aufnehmen einer Botschaft ist; unsere Sinnesorgane spielen dabei eine nicht minder wichtige Rolle.

 

Natürlich hat das Christentum diesen ebenso notwendigen Aspekt der sinnlichen Fühl- und Erfahrbarkeit der anderen Welt immer schon in unterschiedlicher Intensität gewusst und auch intensiv gefördert, ebenso, wie das auch andere Religionsgemeinschaften taten. Der Reichtum der Kirchenausstattung und der liturgischen Feiern mit prachtvollen Gewändern, zahlreichen beteiligten Personen, mit ausgefuchsten Riten und heiligen Gegenständen, auch der Weihrauchduft und die Musik legen beredt davon Zeugnis ab, dass allein das Wort in seiner nüchtern-rationalen schwarz-weiß-Optik normalerweise/fast nie ausreicht, diese unsere Welt zu transzendieren und die geheimnisvolle Glaubensbotschaft in ihrer wortübersteigenden Fülle zu vermitteln.

 

Das Wort lebt durch andere Künste

Dass gleichzeitig immer schon mit unterschiedlicher Vehemenz vorgebrachte Vorbehalte gegenüber Bildern, einem zu prächtigen Kult und auch gegenüber Musik bestanden haben, lässt sich auch aus der inhaltlichen Vieldeutigkeit dieser Künste erklären. Über die Sinnesorgane aufgenommenen stehen sie für die Verantwortlichen der Glaubenssitte im Verdacht, oft einen viel zu schnellen Weg zum leicht entflammbaren Herzen zu finden – mit nicht so leicht abzuschätzenden Folgen für die eingeforderte Geltung der „Richtigkeit“ des Glaubens. Dagegen scheinen Worte doch verlässlicher, eindeutiger und für alle an den Sprechakten beteiligten Personen klar zu sein … Die Musik hingegen kennt natürlich auch bestimmte tonale Konventionen wie die traditionellen Tongeschlechter Dur und Moll oder kulturell geprägte Harmonieempfindungen.

Aber wie Musik in einer bestimmten Situation gefühlt, empfunden, interpretiert wird – das ist doch vor allem die Angelegenheit der Hörenden. Orgelmusik mag beispielsweise der einen Hörerschaft einen Ausblick in den Himmel geben, während die andere durch dieses Instrument oder seinen es Bespielenden – horribile dictu! – geradezu aus der Kirche vertrieben wird.

Musik kann „hören“ und dadurch „fühlen“ lassen, was über das im Wort Ausgedrückte weit hinaus geht. Diese Erfahrung mit einem durchaus spirituellen Horizont teilt sicherlich jeder, der ein Sensorium für diese ganz besondere Kunst hat. Deshalb wäre es zu kurz gegriffen, sie einfach nur als künstlerisches Beiwerk zu verstehen. Sie ist ganz im Gegenteil dazu im Stande, eigene Wege, eigene Perspektiven auf das Unsagbare hin zu erschließen.

Musik kann schließlich sogar als persönlicher Weg genutzt werden, um einen „Zugang zum Himmel“, zur eigenen Existenz, zur ganzen Kontingenz des Daseins zu finden. „Die Musik von Bach!“, so geht es sicherlich vielen bei diesen Gedanken durch den Kopf. Ich möchte hier jedoch ein aktuelleres Beispiel vorstellen, nämlich das im Jahr 1965 vom Jazz-Saxophonisten John Coltrane veröffentlichte Album „A Love Supreme“, das bis heute als Meisterwerk und als eines der wichtigsten Alben des 20. Jahrhunderts gilt. Als Beispiel passt es auch deshalb hervorragend in dieses Essay, weil Coltrane persönlich nur wenig Vertrauen in Worte setzte und Interviews stets mied. Sein Ausdrucksmittel war die Musik, die er aber zum Sprechen zu bringen vermochte wie nur wenige vor oder nach ihm.

 

„A Love Supreme“ – Eine kurze Höranleitung

Bereits der Titel des Albums lässt anklingen, dass hier eine christliche Tiefengrammatik zu erwarten ist, denn „Eine höchste Liebe“, wie er sich übersetzen lässt: Dieser Titel spiegelt vielleicht Coltranes eigene Erfahrung nach seinem Drogenentzug im Jahr 1957 wider, die in einer Hinwendung zum Glauben und zur Spiritualität mündete.

Dass hier nicht nur ein Jazz-Quartett gemeinsam brillant musiziert, zeigt sich auch im Gesamtaufbau des Werkes, das die Form einer Suite hat und vier aufeinander aufbauende sowie miteinander verwobene Teile enthält: Sie heißen „Acknowledgement“ (Anerkennung), „Resolution“ (Entschluss), „Pursuance“ (Streben) und schließlich „Psalm“. Der Beginn des ersten Stücks markiert dabei so etwas wie den Übergang in den heiligen Bereich eines Tempels. Es ertönt ein chinesischer Gong, über den sich Coltranes Saxophon mit einem fanfarenähnlichen Motiv erhebt und damit deutlich werden lässt, dass nun für die kommenden 30 Minuten eine besondere Aufmerksamkeit geboten ist. Ein wirklich „weihevoller Moment“, nicht zuletzt deshalb, weil Coltrane sein Saxophon mit einer würdevollen Eleganz spielt, die zu Tränen rühren vermag. Seine Mitmusiker McCoy Tyner am Piano, Jimmy Garrison am Kontrabass und Elvin Jones am Schlagzeug bilden darüber hinaus mit ihren Instrumenten den perfekten Hintergrund, vor dem das Saxophon eine fast körperliche Materialität annimmt. Einzigartig dann der Schluss dieses ersten Teils: Coltrane wiederholt mantra-artig fortlaufend die Worte „A Love Supreme“ – bevor er nahtlos in den zweiten Teil, Entschluss, übergeht.

Dieser Teil erinnert musikalisch an die überschäumende Freude angesichts der Schöpfung, wie sie in vielen Psalmen des Alten Testaments thematisiert wird. Er ist eher konventionell geraten, mit einer klaren Struktur und einer Melodie, die mitgesummt werden möchte. Der nächste Teil, Streben, nimmt dann deutlich Fahrt auf. Rasende Tempi und ein Schlagzeuger in Höchstform bilden den dynamischen Pol der Suite und rauben schlichtweg den Atem. Alles verausgabt sich, gibt sich im tiefsten christlichen Sinn hin, bevor es im letzten Stück, Psalm, zu einem wahrhaft meditativen Ausklang kommt. Alle Struktur löst sich nun in reinem, wehmütig-sehnsüchtigem Klang auf. Wieder „spricht“ das Saxophon mit einer fast menschlich anmutenden Stimme und klingt dabei wie eine in Gebetsform vorgetragene Litanei. „A Love Supreme“ verabschiedet sich schließlich leise.

 

Kein Fazit, sondern eine Ermutigung

Coltrane starb wenige Jahre nach der Veröffentlichung seines Meisterwerks an Leberkrebs und konnte die weitere Entwicklung des sogenannten „Spiritual Jazz“ nicht mehr mitprägen. Sehr lebendig ist jedoch diese ungewöhnliche Spielart einer geistlichen Musik, die ausserhalb von Kirchenräumen gehört werden möchte, aber bis in die Gegenwart geblieben.

 

Für Furore sorgt seit einigen Jahren der aus Los Angeles stammende Kamasi Washington, dessen Erstling „The Epic“ fast drei Stunden Musik enthält und zur Einspielung eine zehnköpfige Band, ein 32-köpfiges Orchester und einen zehnköpfigen Chor benötigte – der Albentitel ist also keineswegs willkürlich gewählt! Das im Jahr 2018 erschienene Album „Heaven and Earth“ ist vielleicht sogar noch interessanter. Hier thematisiert Washington eindrucksvoll seinen Kampf um Anerkennung und Freiheit. Die Erfahrung, dass im 21. Jahrhundert in den USA und weltweit das Leben als ein Angehöriger der „People of Color“ immer noch starke Auswirkungen auf die persönliche Entfaltung des Lebens hat, findet so einen starken Ausdruck, inklusive fast kämpferischer Ansagen durch Titel wie „Fists of Fury“. Der Weg zur Freiheit, erzählt im Buch Exodus, das ist eine der menschlichen Urerfahrungen, die sich auch in Musik wunderbar ausdrücken lassen.

 

Wenn diese nur sehr kurzen Überlegungen eines erreichen möchten, dann dies: Dazu ermutigen, mit offenen Ohren durch die Musiklandschaft zu streifen und selbst offen zu sein für ungewöhnliche Perspektiven auf Spiritualität und die musikalische Suche nach menschlicher Transzendenz.

Michael Hartlieb

Was fehlt, wenn die Christen fehlen

 

Dass Glaube und Religion in zahlreichen ihrer hergebrachten Erscheinungsformen «bachab» zu gehen scheinen und schon bald weniger als 50% der Schweizer oder Deutschen zu einer christlichen Kirche gehören werden – das nimmt der Mitinitiator der Sinus-Kirchenstudien und Gründer des Zentrums für angewandte Pastoralforschung an der Ruhr-Universität Bochum als Herausforderung, eine sowohl für religiöse als auch religiös unmusikalische ZeitgenossInnen verständliche Kurzformel christlichen Glaubens durchzubuchstabieren, die die Lebenskompetenz ins Zentrum rückt.

«Das, was wirklich fehlt, wenn die Christen fehlen, ist keine Lehre, sondern ein Weg», betont der Pastoraltheologe Sellmann (*1966). «Das ist es, was uns abhandengekommen ist: Christsein ist eine klar fassbare Praxis. Eine Lebensführungsweisheit. Eine Kompetenz. Dafür kann man werben.» Als guter Katholik spricht er mit youtube-Videos und Bildformaten alle Sinne an: Sehen, Hören, Riechen – via QR-Codes und einer duftlackierten Karte gibt es zum Buchinhalt show, musik, kunst, duft …

 

Neue Aufmerksamkeit für Religion

Jürgen Habermas, der die religiöse Gegenwartssituation neuerdings als «postsäkular» beschreibt, bezeichnete sich öffentlich wie schon der Soziologe Max Weber als «religiös unmusikalisch» – in seiner Dankrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2001 und in der Diskussion mit Joseph Ratzinger in der Katholischen Akademie in München 2004.

Wer sich als «religiös unmusikalisch» bezeichnet, sagt nicht, er sei unreligiös. Wie Max Weber denkt Habermas intensiv über Religion nach, hält sich selber jedoch nicht für besonders fromm – beide blieben zeitlebens Mitglied ihrer protestantischen Kirche. Alles andere als taub für Religiöses macht Habermas insbesondere dem «religiös unmusikalischen Bürger» neu bewusst: «So wie uns Musik umgibt und jeden angeht, so umgibt uns Religion, auch die Nichtpraktizierenden.» (Dirk Kaesler)

Man könnte Habermas’ Zeitdiagnose als «postsäkularistisch» zuspitzen, liegt ihre Pointe doch in der Revision der lange selbstverständlichen Annahme einer unaufhaltsamen Säkularisierung von Religion: «Es wäre unvernünftig a priori den Gedanken von der Hand zu weisen, dass die Weltreligionen», widerspricht der Philosoph säkularistischer Ignoranz, «innerhalb des differenzierten Gehäuses der Moderne einen Platz behalten, weil ihr kognitiver Inhalt noch nicht abgegolten ist. Jedenfalls ist nicht auszuschliessen, dass sie semantische Potentiale mit sich führen, die eine inspirierende Kraft für die ganze Gesellschaft entfalten, sobald sie ihre profanen Wahrheitsgehalte preisgeben.»

Ausdrücklich verband Habermas damit die Forderung: Religionen müssen sich selbst und anderen Auskunft über den ihnen einwohnenden Eigensinn geben und argumentativ darstellen können, dass gerade auch Menschen ihn verstehen können, die selbst nicht am religiösen Glauben teilhaben.

 

Christsein als Ressource für gelingendes Leben

Genau das treibt Matthias Sellmann an: «auskunftsfähig auch für nicht-religiös Lebende» das alternativlos Besondere christlichen Glaubens neu zu erschliessen. Mit Verweis auf die biblische Weisheitsliteratur geht es ihm vor allem um die Lebensrelevanz des Christseins als einer bleibend gültigen Option aus dem kulturellen Vorrat an Deutungsmustern, die nicht verloren gehen darf: Wie kommt man anständig und kreativ durch das eigene und durch das gemeinsame Leben? Inwiefern kann Christsein hier inspirieren, ja, eine mentale Ressource für gelingende Existenz sein?

Entschieden weist Sellmann «Frömmelei, dogmatischer Blutleere und biederem Moralismus» ab: «Christsein ist «eine bestimmte Kompetenz, die man hervorragend dazu benutzen kann, um seine individuelle Lebensleistung zu bringen und damit auch für das Gemeinwohl etwas beizutragen».

«Man muss dazu motivieren können, welche biografische Praxis aus den Glaubensbegegnungen mit diesem Gott resultieren», betont Sellmann seine Alltagstauglichkeit: «also etwa: welche Selbstsorge; welches Zeitmanagement; welche Weisheit rund um Beziehungspflege und Gemeinwohl; welche Variante von Humor und Resilienz, wenn das Leben zuschlägt; welcher Umgang mit Scheitern und Feigheit; aber auch welche Strategie des Lebensgenusses, wenn man einen Lauf hat.»

 

Lebensentdeckungen auch für Nicht-Religiöse

Im Christus-Lied Phil 2, 5-11, nicht von ungefähr in bedrängter Situation im Gefängnis verfasst, bekräftigt der Apostels Paulus gegenüber seiner Lieblingsgemeinde, was seine und ihre grosse Lebensentdeckung ausmacht: «Die story des Jesus von Nazareth wird im Zeitraffer erzählt, ganz ähnlich wie am Beginn des Johannesevangeliums im berühmten Prolog: Himmel und Erde werden verbunden; ein Gottgleicher fällt geradezu in die Welt; er müsste nicht bleiben, tut es aber überraschenderweise; er entscheidet sich für die Welt; das kostet ihn sogar das Leben; er wird hingerichtet; wiederum überraschenderweise aber wendet sich das Blatt erneut; er wird erhöht, wie es heisst; und nun werden ihm Ehre und Fülle zuteil.»

Sellmann sieht darin die «geistliche Lebensklugheit» verdichtet, die den Glutkern der christlichen Überlieferung bildet: «dass die Nicht-Flucht aus den Aufgaben der Existenz (physis) und die Investition in das Glück auch anderer (kenosis) kein Scheitern, sondern Erfolg und Fülle zur Folge hatte». Von Jesus von Nazareth lernen Christinnen und Christen drei Lebenskünste, die sich wechselseitig ergänzen: «immer weniger wegrennen (physis); aus sich herauskommen (kenosis); Kraft von aussen aufnehmen (dynamis)».

Konkretisiert wird dies an drei bekannten spirituellen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, die je eine dieser drei Lebensleistungen in besonders ausdrücklicher Weise gelebt und beschrieben haben: Dietrich Bonhoeffer als Experete für physis-Klugheit («Einer, der nicht weglief»), Chiara Lubich als Expertin für kenosis-Klugheit («Eine, die sich investiert hat») und Madeleine Delbrel als Expertin für dynamis-Klugheit («Eine, die gefunden wurde»). Weihnachten, Ostern und Pfingsten bilden den jährlichen Rundwanderweg dieses «Dreiklangs des Christseins», der zudem auf die Trinität verweist.

Als eigentlichen Clou streicht Sellmann heraus, dass hier ein Lebens-, ja, gut weisheitlich ein Schöpfungswissen vorliege, das auch nicht-religiös Gebundene für sich nutzen können, was Sellmann erfahrungsnah immer wieder neu variiert: «Wer dableibt (physis) und wer weitergeht (kenosis), der stösst die Tür auf zu einer ganz eigenen Erlebnistiefe […] Wer zum Wohl von anderen über sich hinausgeht, der fällt nicht ins Leere, sondern wird aufgefangen. Er oder sie erschliesst sich ein Reservoir von Kraft, von dessen Intensität man in der Komfortzone überhaupt nichts ahnen konnte.»

Ohne auszublenden, was den Unterschied macht, lädt Sellmann ein: «Du brauchst dafür nicht religiös zu werden. Aber es bringt dich in vitalen Kontakt mit jener Kraft, die dieses Leben geschaffen hat und in ihm antreffbar ist […] Wir Christinnen und Christen nennen diese Kraft ‘unseren Gott’. Wir sind in Beziehung mit ihr, mit ihm. Mehr noch: Sie ist in Beziehung zu uns. Und das ist für uns Lebensglück.»

Christoph Gellner

 

 

Matthias Sellmann: Was fehlt, wenn die Christen fehlen? Eine Kurzformel ihres Glaubens, 128 S., Echter: Würzburg 2020

Ders., Geistliche Klugheit als Lebenskompetenz. Fundierungen einer Kurzformel des christlichen Glaubens, ca. 250 S., erscheint voraussichtlich am 1. März 2021 im Echter Verlag.

Zur Lehr- und Lernbarkeit von Religion

 

Rudolf Englert, der erst kürzlich emeritierte Professor für Religionspädagogik der Universität Duisburg-Essen, stellt sich zeitgenössischen Anfragen zur Relevanz von Tradition und theologischer Reflexion. Und er stellt selbst kritische Fragen an sein Fachgebiet und seine Zunft, um damit zum Nachdenken über den (Mehr-) Wert religiöser Bildung in der Gegenwartgesellschaft anzuregen. Schon 2018 fragte Englert: «Was wird aus Religion?» (siehe dazu die Besprechung von Felix Senn in PRISMA 2/2018). Die aktuelle Publikation einer in Regensburg gehaltenen Vorlesungsreihe trägt den Titel «Geht Religion auch ohne Theologie?»

Braucht man die Bibel heute noch?

Neben der Auseinandersetzung mit dem zunehmenden Relevanzverlust biblischer Überlieferung verweist Englert im vierten Kapitel auf drei mögliche Umgangsformen mit der Bibel, die durchaus einen Mehrwert für zeitgenössische Menschen bieten können, die sich zunächst nicht (mehr) für das «Buch der Bücher» interessieren. Sein Beitrag ist kein trotziges «Dennoch» gegen den Relevanzverlust religiöser Tradition, sondern er macht ein Angebot:

Die religiöse Tradition und besonders die biblische Tradition können als eine Art Resonanzraum begriffen werden. «Diese Tradition sagt in den meisten Fällen nicht direkt und unmissverständlich, was wir tun und wie wir leben sollen. Aber sie macht uns auf mancherlei Weise empfindlicher für die Wahrnehmung dessen, was wirklich wichtig ist, was gerecht ist, was zu hoffen wäre oder eben auch für die Einsicht, dass Perfektion kein Prädikat des Menschlichen ist» (120).

Unter dem Stichwort «Die Tradition als Spiegelkabinett» zeigt Englert an einem Beispiel auf, wie junge Menschen sich von der Vision der Bergpredigt zu eigenen Ideen und Überlegungen animieren liessen. Dem Vorbild eines Street-Art-Projektes folgend hatten sie mit einzelnen Versen aus der Bergpredigt «Überklebungen» auf Objekten in ihrem Lebensraum vorgenommen und damit kreative Denkanstösse zur möglichen Überwindung von Aggression, Gewalt und Demütigung inszeniert (122f.).

Zum «Kontrastmedium» schliesslich kann die Tradition werden, wenn die Lektüre der Bibel befreiende Erfahrungen ermöglicht. Wenn sie nicht vertröstet, das Leiden der gegenwärtigen Welt aber vor dem Hintergrund einer jetzt schon aufscheinenden möglichen Zukunft als endlich und überwindbar erscheinen lässt. Indem die Bibel für die Wahrnehmung dieses Kontrasts sensibilisiert, kann sie zu einem Medium im aktiven Bemühen um eine bessere Welt werden. Gerade in Situationen misslungenen, unterdrückten oder auch gewaltsam verweigerten Lebens hätten Menschen immer wieder Ermutigung und Bestärkung in der Bibel gefunden.

Auch Jesus habe seine frohe Botschaft in eine Situation gesellschaftlicher Unterdrückung und sozialer Marginalisierung hineingesprochen. Aber «er misst dem Alten keinen Bestand mehr zu, das Neue ist schon dabei, sich zu zeigen, wie ein zunächst kleines Pflänzchen, das aber unweigerlich zum machtvollen Baum wird (123f.).

 

Kann man Religion lernen?

Bezogen auf religiöse Bildung fragt Englert schliesslich im letzten Kapitel des Buches: «Kann man Religion lernen?» Eingangs bestimmt er verschiedenen Dimension von Religion: eine soziale, eine institutionelle, eine spirituelle, eine konfessionelle, eine lebenspraktische und eine ethische, eine rituelle und eine emotionale Dimension. Englert betrachtet Glauben als eine Facette der Religion und unterscheidet, anknüpfend an die reformatorische Tradition drei Ebenen:

«1. Glauben im Sinne eines Wissens um die Inhalte des Glaubens, lateinisch noticia. 2. Glauben im Sinne einer Zustimmung zu diesen Inhalten, lateinisch assensus. Und 3. Glauben im Sinne eines persönlichen Getragenseins von dem, was diese Inhalte ansprechen, lateinisch fiducia.» (158).

Nicht alle diese Dimensionen sind, was ihre Lehr- und Lernbarkeit angeht, heute gleichermassen problematisch. Religiöses Wissen, also noticia, kann in Schule und Erwachsenenbildung gelehrt und gelernt werden wie irgendein anderes sachkundliches Wissen. «Teaching about religion» erschliesst religionskundliches Wissen. Die Kenntnis heiliger Schriften oder der Mitvollzug religiöser Riten sind problemlos lehr- und lernbar ohne eine Zustimmung in Sinne von assensus einzufordern.

Betroffen vom Relevanzverlust ist vor allem der assensus, die Zustimmung zu bestimmten Glaubensinhalten. Weil die Frage, ob sie bestimmten christlichen Glaubensüberzeugungen zustimmen können oder nicht, für die meisten Menschen nur noch wenig Bedeutung hat, erscheint auch das Bemühen um Glaubenswissen weitgehend überflüssig. «Die geringe Relevanz der assensus-Problematik reduziert auch die Motivation zum Erwerb von noticia» (170).

Hingegen wird religiöses Wissen im Sinne der noticia auch heute benötigt, aber aus deutlich anderen Motiven und mit einer deutlich anderen inhaltlichen Füllung, als dies bei vorangegangenen Generationen der Fall war. Das Bemühen um religiöses Wissen ist heute stark motiviert durch das Bemühen um interreligiöse Kompetenz. Ausserdem wird religiöses Wissen oft nicht in erster Linie mit dem Ziel der eigenen religiösen Entwicklung erworben, sondern um einem «staatsbürgerlichen Postulat» zu genügen (171).

 

Ein Charakteristikum unserer religiösen Gegenwartssituation ist laut Englert, dass die inhaltliche Seite des Glaubens und mit ihr die «assensus»-Problematik stark an Relevanz eingebüsst hat, während die «fiduzielle» Seite des Glaubens in einem inhaltlich unspezifischen Sinne nach wie vor mit ausgeprägten menschlichen Bedürfnissen korrespondiert (181).

Aber auch fiducia im religionspsychologischen Sinne ist keineswegs an christliche Inhalte gebunden. Sie kann sogar ganz ohne assensus zur Konfession irgendeines Glaubens auskommen. Somit kann das Bedürfnis nach Fiducia, dem Empfinden eines persönlichen getragen-Seins durch etwas, das stärker ist, als es Menschen sein können, auch dann lebendig bleiben, wenn die Frage nach der Wahrheit von bestimmten Glaubensinhalten und nach der Verlässlichkeit bestimmter religiöser Überzeugungen schon völlig erstorben ist» (172).

 

Unterschiedliche Zugänge

Wesentlich für den Zugang zu religiöser Bildung sind die beiden Dimensionen Kognition und Emotion. In der Geschichte der christlichen religiösen Bildung lag nach Englert die Priorität wechselnd auf religiöser Vernunft und religiösem Gefühl, zwischen Rationalität und Emotionalität. Aktuell kann es geboten sein, je nach Ausgangssituation des Menschen entweder beim emotionalen oder beim inhaltlichen Aspekt von Religion anzusetzen.

Für den religiösen Lernweg ist auch entscheidend, ob eher man individuelle religiöse Erfahrungen als Quellgrund des Religiösen betrachtet, sich also eher von „innen nach aussen“  bewegt, und so ggf. zur Annahme einer pluralistischen Religionstheorie gelangt, oder ob man ein Konzept des religiösen Lernens von «aussen nach innen» verfolgt. Dieses will eine Religion nicht nur über ihre Glaubensinhalte verständlich machen, sondern auch über das Kennenlernen ihrer praktischen Vollzugsformen.

Der Weg von «oben nach unten» will Lernen auch über die Teilhabe am Ausdrucksrepertoire einer geprägten Religion ermöglichen, «und zwar eben nicht nur ihrer Sprache, Symbole und Inhalte, sondern auch ihrer Bauwerke und Bilder, ihrer Gebete und Rituale, ihrer Praxis des Lebens und Feierns» (168).

 

Behutsame Elementarisierung

Zustimmung kann also nicht durch religiöse Bildung erwirkt, der Glaube eines Menschen nicht zielgerichtet ausgebildet werden. Doch es ist möglich, «die Zustimmung zu Glaubensüberzeugungen (assensus) durch hermeneutische Erschliessungsprozesse zu unterstützen, indem Hintergründe ausgeleuchtet, Zusammenhänge erschlossen oder Verstehenshindernisse abgebaut werden». Hier sieht Englert die Aufgabe einer behutsamen didaktischen Elementarisierung (181).

Für die religiöse Bildungsarbeit mit Menschen jeden Alters unter den gegebenen Umständen ist es von entscheidender Bedeutung, dass der Mehrwert einer religiösen Kultur wie der christlichen Tradition herausgekehrt und erschlossen wird: der Mehrwert eines gewachsenen Referenzrahmens gegenüber einer inhaltlich oft höchst vage bleibenden fiducia, der Mehrwert einer verzweigten Interpretationsgemeinschaft gegenüber theologischen Alleingängen, der Mehrwert einer lebenspraktisch und ethisch stilbildenden Sammlungsbewegung gegenüber einer mehr oder weniger privat bleibenden Religiosität (182). Sorgfältiges Wahrnehmen der jeweiligen Situation, der Disposition, des Interesses und der Zugangswege der Menschen sind geboten. Behutsamkeit, nicht Zurück-Haltung, in der Erschliessung und Unterstützung der Lernwege ist gefragt.

Dorothee Foitzik Eschmann

 

 

Rudolf Englert: Geht Religion auch ohne Theologie? Herder: Freiburg i. Br. 2020.

 
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