Zur Lehr- und Lernbarkeit von Religion

 

Rudolf Englert, der erst kürzlich emeritierte Professor für Religionspädagogik der Universität Duisburg-Essen, stellt sich zeitgenössischen Anfragen zur Relevanz von Tradition und theologischer Reflexion. Und er stellt selbst kritische Fragen an sein Fachgebiet und seine Zunft, um damit zum Nachdenken über den (Mehr-) Wert religiöser Bildung in der Gegenwartgesellschaft anzuregen. Schon 2018 fragte Englert: «Was wird aus Religion?» (siehe dazu die Besprechung von Felix Senn in PRISMA 2/2018). Die aktuelle Publikation einer in Regensburg gehaltenen Vorlesungsreihe trägt den Titel «Geht Religion auch ohne Theologie?»

Braucht man die Bibel heute noch?

Neben der Auseinandersetzung mit dem zunehmenden Relevanzverlust biblischer Überlieferung verweist Englert im vierten Kapitel auf drei mögliche Umgangsformen mit der Bibel, die durchaus einen Mehrwert für zeitgenössische Menschen bieten können, die sich zunächst nicht (mehr) für das «Buch der Bücher» interessieren. Sein Beitrag ist kein trotziges «Dennoch» gegen den Relevanzverlust religiöser Tradition, sondern er macht ein Angebot:

Die religiöse Tradition und besonders die biblische Tradition können als eine Art Resonanzraum begriffen werden. «Diese Tradition sagt in den meisten Fällen nicht direkt und unmissverständlich, was wir tun und wie wir leben sollen. Aber sie macht uns auf mancherlei Weise empfindlicher für die Wahrnehmung dessen, was wirklich wichtig ist, was gerecht ist, was zu hoffen wäre oder eben auch für die Einsicht, dass Perfektion kein Prädikat des Menschlichen ist» (120).

Unter dem Stichwort «Die Tradition als Spiegelkabinett» zeigt Englert an einem Beispiel auf, wie junge Menschen sich von der Vision der Bergpredigt zu eigenen Ideen und Überlegungen animieren liessen. Dem Vorbild eines Street-Art-Projektes folgend hatten sie mit einzelnen Versen aus der Bergpredigt «Überklebungen» auf Objekten in ihrem Lebensraum vorgenommen und damit kreative Denkanstösse zur möglichen Überwindung von Aggression, Gewalt und Demütigung inszeniert (122f.).

Zum «Kontrastmedium» schliesslich kann die Tradition werden, wenn die Lektüre der Bibel befreiende Erfahrungen ermöglicht. Wenn sie nicht vertröstet, das Leiden der gegenwärtigen Welt aber vor dem Hintergrund einer jetzt schon aufscheinenden möglichen Zukunft als endlich und überwindbar erscheinen lässt. Indem die Bibel für die Wahrnehmung dieses Kontrasts sensibilisiert, kann sie zu einem Medium im aktiven Bemühen um eine bessere Welt werden. Gerade in Situationen misslungenen, unterdrückten oder auch gewaltsam verweigerten Lebens hätten Menschen immer wieder Ermutigung und Bestärkung in der Bibel gefunden.

Auch Jesus habe seine frohe Botschaft in eine Situation gesellschaftlicher Unterdrückung und sozialer Marginalisierung hineingesprochen. Aber «er misst dem Alten keinen Bestand mehr zu, das Neue ist schon dabei, sich zu zeigen, wie ein zunächst kleines Pflänzchen, das aber unweigerlich zum machtvollen Baum wird (123f.).

 

Kann man Religion lernen?

Bezogen auf religiöse Bildung fragt Englert schliesslich im letzten Kapitel des Buches: «Kann man Religion lernen?» Eingangs bestimmt er verschiedenen Dimension von Religion: eine soziale, eine institutionelle, eine spirituelle, eine konfessionelle, eine lebenspraktische und eine ethische, eine rituelle und eine emotionale Dimension. Englert betrachtet Glauben als eine Facette der Religion und unterscheidet, anknüpfend an die reformatorische Tradition drei Ebenen:

«1. Glauben im Sinne eines Wissens um die Inhalte des Glaubens, lateinisch noticia. 2. Glauben im Sinne einer Zustimmung zu diesen Inhalten, lateinisch assensus. Und 3. Glauben im Sinne eines persönlichen Getragenseins von dem, was diese Inhalte ansprechen, lateinisch fiducia.» (158).

Nicht alle diese Dimensionen sind, was ihre Lehr- und Lernbarkeit angeht, heute gleichermassen problematisch. Religiöses Wissen, also noticia, kann in Schule und Erwachsenenbildung gelehrt und gelernt werden wie irgendein anderes sachkundliches Wissen. «Teaching about religion» erschliesst religionskundliches Wissen. Die Kenntnis heiliger Schriften oder der Mitvollzug religiöser Riten sind problemlos lehr- und lernbar ohne eine Zustimmung in Sinne von assensus einzufordern.

Betroffen vom Relevanzverlust ist vor allem der assensus, die Zustimmung zu bestimmten Glaubensinhalten. Weil die Frage, ob sie bestimmten christlichen Glaubensüberzeugungen zustimmen können oder nicht, für die meisten Menschen nur noch wenig Bedeutung hat, erscheint auch das Bemühen um Glaubenswissen weitgehend überflüssig. «Die geringe Relevanz der assensus-Problematik reduziert auch die Motivation zum Erwerb von noticia» (170).

Hingegen wird religiöses Wissen im Sinne der noticia auch heute benötigt, aber aus deutlich anderen Motiven und mit einer deutlich anderen inhaltlichen Füllung, als dies bei vorangegangenen Generationen der Fall war. Das Bemühen um religiöses Wissen ist heute stark motiviert durch das Bemühen um interreligiöse Kompetenz. Ausserdem wird religiöses Wissen oft nicht in erster Linie mit dem Ziel der eigenen religiösen Entwicklung erworben, sondern um einem «staatsbürgerlichen Postulat» zu genügen (171).

 

Ein Charakteristikum unserer religiösen Gegenwartssituation ist laut Englert, dass die inhaltliche Seite des Glaubens und mit ihr die «assensus»-Problematik stark an Relevanz eingebüsst hat, während die «fiduzielle» Seite des Glaubens in einem inhaltlich unspezifischen Sinne nach wie vor mit ausgeprägten menschlichen Bedürfnissen korrespondiert (181).

Aber auch fiducia im religionspsychologischen Sinne ist keineswegs an christliche Inhalte gebunden. Sie kann sogar ganz ohne assensus zur Konfession irgendeines Glaubens auskommen. Somit kann das Bedürfnis nach Fiducia, dem Empfinden eines persönlichen getragen-Seins durch etwas, das stärker ist, als es Menschen sein können, auch dann lebendig bleiben, wenn die Frage nach der Wahrheit von bestimmten Glaubensinhalten und nach der Verlässlichkeit bestimmter religiöser Überzeugungen schon völlig erstorben ist» (172).

 

Unterschiedliche Zugänge

Wesentlich für den Zugang zu religiöser Bildung sind die beiden Dimensionen Kognition und Emotion. In der Geschichte der christlichen religiösen Bildung lag nach Englert die Priorität wechselnd auf religiöser Vernunft und religiösem Gefühl, zwischen Rationalität und Emotionalität. Aktuell kann es geboten sein, je nach Ausgangssituation des Menschen entweder beim emotionalen oder beim inhaltlichen Aspekt von Religion anzusetzen.

Für den religiösen Lernweg ist auch entscheidend, ob eher man individuelle religiöse Erfahrungen als Quellgrund des Religiösen betrachtet, sich also eher von „innen nach aussen“  bewegt, und so ggf. zur Annahme einer pluralistischen Religionstheorie gelangt, oder ob man ein Konzept des religiösen Lernens von «aussen nach innen» verfolgt. Dieses will eine Religion nicht nur über ihre Glaubensinhalte verständlich machen, sondern auch über das Kennenlernen ihrer praktischen Vollzugsformen.

Der Weg von «oben nach unten» will Lernen auch über die Teilhabe am Ausdrucksrepertoire einer geprägten Religion ermöglichen, «und zwar eben nicht nur ihrer Sprache, Symbole und Inhalte, sondern auch ihrer Bauwerke und Bilder, ihrer Gebete und Rituale, ihrer Praxis des Lebens und Feierns» (168).

 

Behutsame Elementarisierung

Zustimmung kann also nicht durch religiöse Bildung erwirkt, der Glaube eines Menschen nicht zielgerichtet ausgebildet werden. Doch es ist möglich, «die Zustimmung zu Glaubensüberzeugungen (assensus) durch hermeneutische Erschliessungsprozesse zu unterstützen, indem Hintergründe ausgeleuchtet, Zusammenhänge erschlossen oder Verstehenshindernisse abgebaut werden». Hier sieht Englert die Aufgabe einer behutsamen didaktischen Elementarisierung (181).

Für die religiöse Bildungsarbeit mit Menschen jeden Alters unter den gegebenen Umständen ist es von entscheidender Bedeutung, dass der Mehrwert einer religiösen Kultur wie der christlichen Tradition herausgekehrt und erschlossen wird: der Mehrwert eines gewachsenen Referenzrahmens gegenüber einer inhaltlich oft höchst vage bleibenden fiducia, der Mehrwert einer verzweigten Interpretationsgemeinschaft gegenüber theologischen Alleingängen, der Mehrwert einer lebenspraktisch und ethisch stilbildenden Sammlungsbewegung gegenüber einer mehr oder weniger privat bleibenden Religiosität (182). Sorgfältiges Wahrnehmen der jeweiligen Situation, der Disposition, des Interesses und der Zugangswege der Menschen sind geboten. Behutsamkeit, nicht Zurück-Haltung, in der Erschliessung und Unterstützung der Lernwege ist gefragt.

Dorothee Foitzik Eschmann

 

 

Rudolf Englert: Geht Religion auch ohne Theologie? Herder: Freiburg i. Br. 2020.

Mit Charme gewinnen – kämpfend vorangehen

 

Eine wirklich charmante Idee, eine Frau und einen Mann miteinander ins Gespräch über ihre Spiritualität zu bringen, die auf ihre je eigene Weise nicht nur die Katholische Reform des 16. Jahrhunderts beeinflusst, sondern auch nachfolgende Generationen geprägt haben! Entstanden ist ein gewinnbringendes kleines Buch.

 

In einer Publikation der Reihe «Ignatianische Impulse» lassen die Autorin Theres Spirig-Huber und der Autor Karl Graf Teresa von Ávila und Ignatius von Loyola zu Wort kommen.

Im fiktiven Austausch auf der Basis der biografischen und geistlichen Schriften wird deutlich, wie stark das Mann- bzw. Frausein sowie ihre unterschiedliche Herkunft die Lebens- und Handlungsmöglichkeiten der Ordensgründerin und des Ordensgründers geprägt haben und wie sich diese biografischen und kontextuellen Aspekte in ihrer jeweiligen Spiritualität und ihren theologischen Werken niederschlagen.

 

Im ersten Teil des Buches setzen sich die beiden mit ihren unterschiedlichen Lebensbedingungen in der spanischen Welt des 16. Jahrhunderts auseinander. So durchbrachen Teresa und Ignatius auf je eigene Weise die traditionellen Rollenerwartungen ihrer Zeit.

 

Von Teresa, der Mystikerin, Visionärin, Reformerin und Ordensgründerin sind Sätze bekannt wie: „Wenn Rebhuhn dann Rebhuhn, wenn Fasten dann Fasten.“ Oder: „Tu deinem Leib des Öfteren etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.“ Auch ist sie überzeugt, dass „Gott will, dass der Mensch seinen Spass hat.“ Teresa von Ávila ist eine Suchende, zugleich lebenslustig und höchst selbstkritisch. Teresa hatte jüdische Wurzeln, ihr Grossvater hatte in der Zeit der Reconquista sich und seine Familie taufen lassen und war Christ geworden. In der Darstellung des Autorenteams ist dies möglicherweise mit ein Grund dafür, dass Teresa sich zunächst anpassen wollte, aber an der Äusserlichkeit des Lebens und den vorgegebenen Frömmigkeitsübungen im Kloster litt und erst durch das innere Gebet und die Zwiesprache mit Jesus als ihrem guten Freund zu ihrer Spiritualität findet – in einem Fortschreiten ins Innere der Seele.

 

«Wer Exerzitien verstehen will, muss Ignatius von Loyola (1491–1556), Gründer des Jesuitenordens, kennenlernen» (Bruno Brantschen SJ). Ignatius von Loyola stammte aus adligem, so genannt «altchristlichen» Geschlecht. Als junger Mann träumte er von einer Karriere als Ritter und Edelmann. Nach einer Kriegsverletzung zerbrechen seine Fantasien jedoch und er stürzt in eine tiefe Krise. Ans Bett gefesselt, gerät er in eine tiefe Krise und wendet sich mittels Lektüre anderen «Helden» zu. Er beginnt Geschichten über das Leben Jesu und der Heiligen zu lesen. Hin- und hergerissen zwischen seinem ursprünglichen Ideal des Lebens als Ritter und seiner zunehmenden Faszination für das Leben der Heiligen, beschliesst er schliesslich, sich völlig der Freundschaft mit Jesus und dem Dienst an Gott zu widmen. In der «Unterscheidung der Geister», im Hören auf die innere Stimme lernt er seinen Weg zu Gott kennen, den Gott ihm zugedacht hatte: Ignatius sieht fortan seine Berufung darin, anderen zu helfen, ihren Weg zu finden. Das Exerzitienbuch «Geistliche Übungen» schrieb er als Anleitung für Suchende auf der Basis seiner eigenen Erfahrungen.

 

Auf der Suche nach einer tragenden, tiefen Gottesbeziehung verliessen Teresa und Ignatius die Wege der vorherrschenden theologischen Konzepte und jeweils gültigen Anleitungen für ein gelingendes Leben mit Gott. Beide unternahmen enorme Anstrengungen, um mit aussergewöhnlicher Ordens- und Klostergründung ihren Einsichten Form und Struktur zu geben. Der Referenzpunkt der fiktiven Begegnung ist die Radikalität ihrer spirituellen Suche – bei aller Unterschiedlichkeit der gesellschaftlich und biografisch bedingten Wege.

 

Das kleine Buch ist leicht zu lesen, durch die humorvolle Darstellung der beiden Gesprächspartner ist es zugleich unterhaltsam und macht Appetit auf mehr. Diejenigen, die die Schriften der Teresa von Avila und des Ignatius von Loyola kennen, führt dieses Buch auf leichtfüssige Weise in die Tiefe. Für alle anderen ist es eine Einladung, sich verstärkt mit der Protagonistin und dem Protagonisten des Gesprächs, ihrem jeweiligen Lebenswerk und spirituellen Ansatz zu beschäftigen.

 

Dorothee Foitzik Eschmann

 

 

Karl Graf und Theres Spirig-Huber, Mit Charme gewinnen – kämpfend vorangehen. Teresa von Avila und Ignatius von Loyola im Gespräch über Geschlecht und Spiritualität (Ignatianische Impulse), Echter Verlag 2020

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

 

Suchen Sie selbstkritische Gedanken, die Sie vielleicht schon fast selbst gedacht hätten, aber nicht zu denken wagten; Gedanken, die Sie auf einer Ferienreise begleiten sollen oder zu Hause; Gedanken jedenfalls, die Sie mitnehmen auf eine Gedankenreise, auf der Sie viel Neues und Überraschendes entdecken?

 

Dann packen Sie ein Buch des israelischen Historikers Yuval Noah Harari in Ihren Koffer. Er schreibt klug, und seine Texte sind dennoch süffig zu lesen. Er versteht es, komplexe Zusammenhänge einfach und spannend darzulegen. Er schreibt keine trockenen Sachbücher, sondern mitreissende Essays.  Schon 2013 ist ihm mit seinem Buch „Eine kleine Geschichte der Menschheit“ ein Wurf gelungen, der vedientermassen im Handumdrehen weltweit zum Bestseller wurde. 2017 folgte sein fulminanter Ausblick in die Geschichte der Zukunft: „Homo Deus. Eine Geschichte von morgen“. Auch dieses Buch landete schnell auf den Bestsellerlisten.

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Wenn Sie reflektieren wollen, worauf es in unserer Zeit und in naher Zukunft ankommt und worauf wir besonders achten müssen, dann lohnt sich das Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“, Beck Verlag, München 2018. Darin verlässt der Historiker Harari sein ureigenes Terrain und wagt zu skizzieren, welche Themen, Probleme und Fragen uns in nächster Zeit nachhaltig beschäftigen werden und mit denen wir uns unbedingt beschäftigen sollten.

 

Dieses Buch ist atemberaubend. Es ist scheinbar locker und streckenweise fast salopp erzählt; aber dieser Schein trügt. Die Gedankengänge bohren sich in unser Gedächtnis und lassen uns nicht mehr so schnell wieder los. Auch dort, wo man als Leser/Leserin allenfalls anderer Meinung ist, wird man/frau unsicher und lernt etwas dazu.

Da geht es um die technologische und die politische Herausforderung, um die Zukunft der Arbeit, um Freiheit und ihre Gefährdung, um Zuwanderung und Rassismus, um Nationalismus und dessen Stütze durch Religion. Es geht um Verzweiflung und Hoffnung, um Krieg und Terrorismus, um Nichtwissen und Fake News, um Wahrheit und Gerechtigkeit. Und ja, es geht auch um Sinn und um Bildung, um Resilienz und um Meditation, um Gott und um Demut. Theologisch Interessierte kommen also bestimmt nicht zu kurz.

Das Buch liest sich bis zur letzten Zeile spannend wie ein Krimi. Sprachlich ist es sehr gut geschrieben und leicht lesbar. Inhaltlich indes bohren die 21 Lektionen in die Tiefe und geben im besten Sinne zu denken. Der Lerneffekt dieser Lektionen ist entsprechend gross.

 

Suchen Sie ein anregendes und aufregendes Sachbuch für die Ferien? Bei Yuval Noah Harari werden Sie fündig.

Felix Senn

 

 

Yuval Noah Harari, 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“, Beck Verlag, München 2018

 

 

Theologie für alle. 50 Jahre Theologie im Fernkurs

 

«Theologie für alle. Die Bedeutung theologischer Bildung für die Glaubenskommunikation» lautete das Thema des Studientages, den «Theologie im Fernkurs für den 24. April anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums geplant hatte. Dieser Studientag sowie das anschliessende Jubiläumswochenende vom 25./26. April mussten wegen der Coronakrise leider abgesagt werden. Zum Glück haben die vorgesehenen Referierenden ihre Beiträge dennoch in schriftlicher Form zur Verfügung gestellt, so dass die vorliegende Festschrift dennoch realisiert werden konnte.

 

Die Festschrift setzt sich aus zwei etwa gleich langen Teilen zusammen, die sich gut ergänzen. Im ersten Teil sind die genannten Beiträge zum Thema des Studientags dokumentiert. Sie stammen von renommierten Fachleuten unterschiedlicher Disziplinen: Ute Leimgruber (Pastoraltheologie), Joachim Schmiedl (Kirchengeschichte), Hans Joachim Sander (Dogmatik) und Thomas Söding (Neues Testament).

Im zweiten Teil wird von Insidern die Geschichte von «Theologie im Fernkurs» ausführlich und lebendig nachgezeichnet, wobei der Herausgeber für die ersten 40 Jahre auf frühere Arbeiten zurückgreifen konnte und diese überarbeitet und aktualisiert hat. Die Entwicklungen und Umbrüche des letzten Jahrzehnts ergänzt der Herausgeber und heutige Leiter von «Theologie im Fernkurs», Thomas Franz, in einem eigenen Beitrag.

 

Der zweite Teil, die Geschichte von «Theologie im Fernkurs», dokumentiert ein wesentliches Element neuester Theologie- und Kirchengeschichte in Deutschland, nämlich die Bemühungen der deutschen Bistümer, interessierte Frauen und Männer theologisch auszubilden und teilweise als Quereinsteigende auf Einsätze in kirchlichen Berufen vorzubereiten. So förderte «Theologie im Fernkurs» die nachkonziliare Emanzipation der Kirche aus der Fixierung auf die Kleriker und die konkrete Umsetzung des neuen konziliaren Kirchenverständnisses: Kirche als gemeinsam verantwortliches und gestaltendes Volk Gottes auf dem Weg. Immer wieder werden in diesem geschichtlichen Abriss explizit Querverbindungen zu den Wiener theologischen Kursen und zu «Theologie für Laien» bzw. theologiekurse.ch (heute Theologische Grundbildung am TBI) in Zürich sichtbar gemacht. Die drei Schwesterinstitute treffen sich denn auch alljährlich zu einem intensiven Austausch über Erfahrungen und gesellschafts- und bildungspolitische Veränderungsprozesse, über die kirchliche Grosswetterlage und Strategien der Werbung, über neue theologische und methodisch-didaktische Herausforderungen (vgl. S. 200).

 

«Theologie für alle.» Das bedeutet eine riesige Übersetzungsleistung der fachtheologischen Erkenntnisse in eine allgemeinverständliche und lebensnahe Sprache, die auch ohne spezifische Bildungsvoraussetzungen nachvollziehbar ist. Sie wurde möglich in enger Zusammenarbeit mit den deutschen Bistümern und mit Fachleuten an den theologischen Fakultäten.

 

«Theologie für alle.» Was dies heisst, loten die Beiträge im ersten Teil des Buches aus. Ute Leimgruber verortet dies im Umbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils und vertieft es eindrücklich im Rückgriff auf das Verständnis des Laienapostolats bei Joseph Cardijn. Dieser setzte sich ein «für ein umfassendes, entgrenztes Verständnis von Apostolat» (32) der Laiinen und Laien, wehrte sich ausdrücklich gegen die traditionelle Trennung von Weltdienst (der Laien) und Heilsdienst der Kleriker) und förderte eine entsprechende theologische Bildung von Laien und Laiinnen. Insofern bleibt Cardijn bahnbrechend für das, was die Würzburger Fernkurse seit 50 Jahren als ihr Kerngeschäft pflegen: die theologische Bildung aller und damit zugleich die Autorisierung aller (42-44).

Für diese Autorisierung aller ist auch die historische, die kirchen- und theologiegeschichtliche Bildung von grossem Nutzen, wie Joachim Schmiedl nicht zuletzt mit Bezug auf den synodalen Weg der deutschen Kirche zeigt. Der historische Blick offenbart viel Gewordenes als zeitgebunden, relativ und veränderbar. Das gilt selbst für Rechtsvorschriften, die in Stein gemeisselt scheinen, wie z. B. die enge Verbindung von Weihe- und Jurisdiktionsgewalt, die die Macht auf die Hierarchie konzentriert (61). Diese Sicht wird unterstützt durch den Rückblick auf die didaktischen Bemühungen in frühchristlicher Zeit von Thomas Söding: von Anfang an ging es der Kirche auch um Allgemeinbildung, bei der selbst Sklavinnen und Sklaven oder Witwen wichtige Aufgaben als Lehrende wahrnahmen (101-108). – Allerdings verlangen die gesteigerte Komplexität des Lebens, die höchst problematische Situation der Kirche und die zunehmende Plausibilität des Unglaubens in der heutigen Gesellschaft nach neuen Perspektiven.

 

«Mehr vom Glauben wissen» (das Langzeitmotto von Theologie im Fernkurs) kann hier helfen, denn heute muss jede und jeder selbst den Glauben glauben und verantworten, wie Hans-Joachim Sander betont (69-72). Das Mehr-Wissen über den Glauben führt zum Mehr-Glauben im Sinne von eigenständigerem Glauben, und dies wiederum fördert die kirchliche Selbstrelativierung, die heute spirituell unumgänglich ist, um mitten in der säkularen Gesellschaft wirklich «Gott auf die Spur zu kommen» (83).

 

«Theologie im Fernkurs» ist eine vielseitige und anregende Festschrift gelungen, ein Buch, das auch ohne Festakt und Studientag bestens funktioniert. Mögen viele Leserinnen und Leser sich davon inspirieren lassen.

Felix Senn

 

Thomas Franz (Hg.), Theologie für alle. 50 Jahre Theologie im Fernkurs, Echter Verlag, Würzburg 2020

Geht Religion auch ohne Theologie?

 

«Geht Religion auch ohne Theologie?» So lautet der Titel eines neuen Buches des renommierten Religionspädagogen Rudolf Englert. Der Titel provoziert zum Nachdenken. Und das ist gut so.

Denn in der Tat erleidet die Theologie in unseren Breitengraden derzeit einen enormen Relevanzverlust. Immer weniger junge Leute wollen Theologie studieren. Theologische Fakultäten bangen um ihre Zukunft. Buchhandlungen mit einer starken theologischen Abteilung gibt es nur noch wenige. Die Auflagenzahlen theologischer Publikationen schrumpfen massiv. Und war noch vor 10-15 Jahren der Anteil frei Interessierter in unseren theologischen Bildungsangeboten mindestens so gross wie der Anteil jener, die unsere Angebote beruflich nutzen wollten, so ist dieser Anteil freier Interessierter seither kontinuierlich und empfindlich zurückgegangen. –

 

Ein anderes Verständnis von Religion

Hat Theologie also ausgedient? Ist sie am Ende? Sicher ist: Gut geht es ihr nicht zurzeit, der Theologie. Aber steht sie damit allein? Was ist mit dem anderen Begriff in der Frage: der Religion? Geht es ihr besser? Mir will scheinen: nicht wirklich. Haben wir ein nicht allzu verwässertes Verständnis von Religion, in dem alle und jede Deutung der Welt als religiös gilt, sondern beziehen wir Religion und religiöse Lebenshaltung (oder auch das andere Wort: «Glauben») nur auf die Bindung an eine – wie auch immer verstandene – göttliche Kraft oder Gottheit, die das Leben letztlich prägt und begleitet, dann ist auch solche Haltung heute hierzulande gleichermassen in Mitleidenschaft gezogen und vom Rückgang betroffen. Nicht nur die Kirchen und Religionsgemeinschaften sind davon betroffen, sondern ebenso die religiöse Praxis selbst. Davon zeugen alle Studien, die zu Religion und Glauben in den letzten Jahrzehnten gemacht wurden.[1]

 

Gute Theologie ist Reflexion gelebter Religiosität

Vor diesem Hintergrund lässt sich der Rückgang des Interesses an Theologie erklären durch den Rückgang religiöser, gläubiger Lebenshaltung und Praxis. In letzterem liegt die Wurzel des Problems, nicht in der Theologie selbst. Denn was ist gute Theologie anderes als Reflexion gelebter Religiosität bzw. gelebten Glaubens? Wenn deshalb Religion bröckelt, bricht auch Theologie weg. Denn letztere ist nicht Selbstzweck. Es braucht sie «nur» zum Verstehen, Erklären und Reflektieren der religiösen, gläubigen Lebenshaltung. Ohne diese Lebenshaltung verliert sie ihren Bezugspunkt. Und umgekehrt: Wo Religion und Glaube gelebt werden, braucht es Theologie als Reflexion dieser Praxis; da wird sie nicht verschwinden. Die Titelfrage indes insinuiert, es liesse sich auseinanderdividieren, was zusammengehört. Elementare Beispiele können diese Zusammengehörigkeit veranschaulichen:

Ein religiöser, gottgläubiger Mensch erhält in der Lebensmitte unerwartet die Diagnose: Krebs, voraussichtlich unheilbar. Und schon sitzt er in einem Boot mit Hiob. Habe ich das verdient? Ist das gerecht? Warum gerade ich? Mein Gott, mein Gott, hast Du mich verlassen? Die Theodizeefragen drängen sich auf. Es sind Kernfragen der Theologie und zugleich existenzielle Fragen für einen religiösen Menschen.

Eine religiöse Frau wird Mutter. Sie erfährt das neue Leben ihres Kindes als Wunder. Eine tiefe Gotteserfahrung. Wie soll sie das nur ihren Verwandten erklären? Wie kann sie sich verständlich machen? Vernünftige, nachvollziehbare Worte sucht sie für ihre existenzielle Erfahrung. Was ist ein Wunder? Theologie ist gefragt.

Ein Kind ist erstmals mit dem Tod konfrontiert und fragt: Wo ist meine Oma jetzt? Die Religionslehrerin wird ohne Theologie – genauer: ohne eschatologischen Hintergrund – nicht antworten können. Hoffentlich tut sie dies theologisch sorgfältig und kompetent.

Ein Umweltaktivist engagiert sich mit aller Kraft für eine ökologische Lebensweise und für effiziente Massnahmen zum Klimaschutz. Seine Motivation holt er sich aus dem biblischen Schöpfungsglauben. Da er sich exponiert, wird er nicht nur von seinen politischen Gegnern angefeindet, sondern muss sich auch innerhalb seiner eigenen Glaubensgemeinschaft rechtfertigen. Da braucht er theologische Argumente.

 

Welche Theologie braucht Religion also?

Religion scheint ohne Theologie schlicht nicht zu gehen. Die drängenden Fragen lauten demnach viel eher:

  • Welche Theologie braucht die Religion? Rudolf Englert scheint in seinem Buch auch zu diesem Ergebnis zu kommen und bringt hierzu einige gute Impulse. (Doch das wäre ein eigenes Thema.)
  • Weshalb ist Religion dermassen auf dem Rückzug und offenbar unattraktiv geworden, so dass die Theologie mit ihr zusammen bachab geht?
  • Und geht sie das wirklich (bachab)? Oder befindet sie sich nicht eher in einem Emanzipationsprozess von institutioneller Bevormundung und in einer Phase der Transformation hin zu eigenverantwortlicher Gestaltung und Praxis?

 

Ist letzteres der Fall – und es gibt deutliche Anzeichen dafür, die auch Englert namhaft macht –, dann haben die Theologie und mit ihr die theologische Bildung weiterhin eine Chance und eine Zukunft. Allerdings nur, wenn sie sich als flexibel und hilfreich, lebensdienlich und befreiend erweisen – in Bezug auf die ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Sorgen, Fragen und Biografien der Menschen von heute. Daran gilt es auch in Zukunft mit aller Kraft zu arbeiten.

Felix Senn

 

 

[1] Vgl. für die Schweiz bes. die drei Sonderfall-Studien (1989, 1999 und 2007-2011) und deren Auswertung: Alfred Dubach, Roland Campiche, Jede/r ein Sonderfall? Religion in der Schweiz, Zürich/Basel 1993; Roland Campiche, Die zwei Gesichter der Religion. Faszination und Entzauberung, Zürich 2004; Alfred Dubach, Brigitte Fuchs, Ein neues Modell von Religion. Zweite Sonderfallstudie – Herausforderungen für die Kirchen, Zürich 2005; Jörg Stolz, Judith Könemann u. a., Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft. Vier Gestalten des (Un-)Glaubens, Zürich 2012.

Michael Hartlieb wird neuer Bereichsleiter Theologische Grundbildung am TBI

Der TBI-Vorstand hat am 23. März 2020 Dr. Michael Hartlieb einstimmig zum neuen Bereichsleiter Theologische Grundbildung am Theologisch-pastoralen Bildungsinstitut der deutschschweizerischen Bistümer ernannt. Im 4-köpfigen Leitungsteam des TBI tritt er per 1. August 2020 an die Stelle von Dr. Felix Senn, der Ende Juli in Pension geht.

 

Michael Hartlieb ist 41 Jahre alt, studierte Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Würzburg und wurde mit einer sozialethischen Dissertation über «Die Menschenwürde und ihre Verletzung durch extreme Armut» an der Universität Erfurt promoviert. Seit Oktober 2013 war er als Referent für den Fachbereich Theologie und Philosophie der Thomas-Morus-Akademie Bensberg in der Nähe von Köln tätig. Daneben engagierte er sich als Referent, Gutachter und Prüfer beim Fernkurs Theologie in Würzburg, einer der Theologischen Grundbildung des TBI verwandten Partnerorganisation im Bereich religiöser Bildung Erwachsener im deutschsprachigen Raum.

Für die Leitungsfunktion am TBI bringt Michael Hartlieb reiche langjährige Erfahrungen in Erwachsenenbildung, Bildungsmarketing und E-Learning mit. Mit seiner Ernennung erfolgt ein Generationswechsel in der religiös-theologischen Bildung Erwachsener. Neben der kirchlichen Offenheit für die «Zeichen der Zeit» sind dabei für das TBI die Reflexion und der Dialog über Grundfragen des christlichen Glaubens und der eigenen Spiritualität ebenso wichtig wie eine zeitgemässe Weiterentwicklung der bestehenden Bildungsformate einschliesslich der Nutzung neuer digitaler Lehr- und Lernformen.

Michael Hartlieb ist verheiratet und Vater von zwei Kindern, zeitnah zum Stellenanritt wird er mit seiner Familie aus Bergisch Gladbach in die Deutschschweiz umsiedeln. Wir heissen ihn herzlich willkommen und freuen uns auf seine Mitarbeit im TBI!

Dr. Christoph Gellner, Institutsleiter

Ein Wort des Dankes. Zur Pensionierung von Dr. Felix Senn

 

Per 31. Juli 2020 wird Dr. Felix Senn pensioniert. Nach diversen Anstellungen als Pastoralassistent, Mittelschulreligionslehrer und kirchlicher Erwachsenenbildner war er vom 1. August 1999 bis Ende 2015 Studienleiter bei der Interdiözesanen Vereinigung «Theologie für Laien», die ab 2010 den Vereinsnamen «theologiekurse.ch» trug. Im Zuge ihrer Überführung ins TBI wurde Felix Senn per 1. Januar 2016 Bereichsleiter Theologische Grundbildung im TBI. So kann er auf eine mehr als 20-jährige prägende Tätigkeit in der theologischen Bildung Erwachsener der Deutschschweiz zurückblicken.

In der Kurzchronik  lässt sich der lange vor dem Konzil und der Synode 72 gestartete erwachsenenbildnerische Neuaufbruch mit dem «Theologischen Kurs für katholische Laien» (1954) und dem «Katholischen Glaubenskurs» (1961) über mehr als ein halbes Jahrhundert Revue passieren. Es war massgeblich Felix Senn, der als Studienleiter diese beiden Bildungsformate angesichts veränderter Rahmenbedingungen kirchlich-religiöser Erwachsenenbildung seit der Jahrtausendwende durch einen zeitgemässen Relaunch neu profilierte: 2002 wurde der «Katholische Glaubenskurs» in zwei eigenständige Jahreskurse «Bibel verstehen» und «Gott und Welt verstehen» mit jeweils 3 Trimestern aufgesplittet.

Und der «Theologiekurs» wurde zum «Studiengang Theologie» um- und ausgebaut, seit 2009 entstand zudem die 16 Teilbände umfassende Buchreihe in der Edition NZN beim Theologischen Verlag Zürich. Wie der STh am vertrauten theologischen Fächerkanon orientiert, bietet sie gut lesbar aufbereitete, solide und verlässliche Grundinformationen auf dem Stand des aktuellen Fachdiskurses. Neben der Redaktionsarbeit an der gesamten Buchreihe steuerte Felix Senn aus eigener Fachkompetenz den Dogmatikteilband «Der Geist, die Hoffnung und die Kirche» sowie den Fundamentaltheologieband «Verantwortet glauben» bei. Neben der Teilnahme am 4-jährigen Vollprogramm mit je 2 Abendvorlesungen pro Woche bzw. im sog. Fernkurs in Bildungshäusern können seit 2009 Gasthörende wahlweise einzelne Fächer nach individuellem Interesse belegen.

Zugleich wurden innovative Neuentwicklungen angestossen: 2006 entstand in Kooperation mit der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks das niederschwellige Kurspaket «Glaubenssache – 7 christliche Updates» für einen pfarreilichen «Mini-Glaubenskurs» an 7 Abenden. Und im Frühjahr 2009 starteten an ganz verschiedenen Orten die ersten Matineen-Reihen «Theologie60plus», die thematisch bis in die jüngste Zeit weiter ausgebaut wurden. Alles dies wäre ohne die Gewinnung und Begleitung neuer sowie bewährter KursleiterInnen und Dozierenden, ohne die Vernetzung mit kirchlichen Partnern in der ganzen Deutschschweiz weder denk- noch machbar.

Damit schrieb Felix Senn ein wichtiges Kapitel kirchlicher Bildungsentwicklung mit, die von einem fortschreitenden Rückgang der Kirchenbindung, sich verändernden Bildungsinteressen, ja, einem stetigen Wandel der Religions- und Bildungslandschaft je neu herausgefordert wird. Besuchten den «Glaubenskurs» lange vorwiegend Bildungsinteressierte und freiwillig Engagierte aus Pfarreien, sind heute 2/3 der Teilnehmenden an den Basismodulen M 3 «Grundzüge biblischer Theologie» und M 4 «Grundzüge christlicher Existenz» AbsolventInnen der modularen Ausbildungsgänge Katechese bzw. Kirchliche Jugendarbeit von ForModula. Es war nur folgerichtig, dass die theologische Grundbildung eines breiteren Publikums mit der berufsbezogenen Weiterbildung im TBI zusammengeführt wurde.

Für seine grossen Verdienste zugunsten der religiös-theologischen Bildung Erwachsener gebührt Felix Senn hohe Anerkennung, zu Recht genießt seine ausgeprägte andragogische Vermittlungskompetenz sehr viel Wertschätzung: über 21 Jahre hat er einer gewiss beachtlichen Zahl, ja, «Tausenden von Menschen die christliche Botschaft kompetent und verständlich nahegebracht», wie ein begeisterter Seelsorger jüngst bezeugte. Lieber Felix, aufrichtigen Dank für Dein unermüdliches Engagement als TBI-Bereichsleiter bis in die Corona-Zeit. Für die nun beginnende «nachberufliche» Lebensphase mit neuen und anderen Prioritäten wünschen wir Dir alles Gute, Gesundheit und Gottes Segen.

 

Dr. Markus Thürig, Präsident des Trägervereins TBI

Dr. Christoph Gellner, Institutsleiter

Weisheitlich-spirituelle Resonanzen

 

Rudolf Englert unterscheidet in seiner an der Universität Regensburg vorgetragenen Vorlesungsreihe «Geht Religion auch ohne Theologie?» vier idealtypische Ausprägungen von Theologie:

  • die wissenschaftliche Theologie
  • die lehramtliche Theologie
  • die weisheitlich-spirituelle Theologie
  • die Laientheologie des Volkes, etwa die Kinder- und Jugendtheologie, deren Ansatz Friedrich Schweitzer für eine «Theologie von, mit und für Erwachsene» fortgeschrieben hat, die bei der Wahrnehmung und Wertschätzung der Theologie von Erwachsenen ansetzt, diese als selber denkende und sich in Glaubensfragen selbständig orientierende Subjekte ernst nimmt.

Auch wenn es weiterhin alle diese vier Formate braucht, will ich hier mit Blick auf die theologische Breitenbildung eine Lanze für die spirituell-sapientiale Theologie brechen. Was ist damit gemeint?

 

Mehr weisheitlich-spirituelle Theologie!

Englert führt für dieses Theologieformat exemplarisch den durch eine enorme Breitenwirkung bekannt gewordenen Benediktiner Anselm Grün an. Ich verbinde damit die ebenso lebensnahen, erfahrungsgesättigten wie um theologische Klärung und Reflexion bemühten Veröffentlichungen von Fulbert Steffensky, Gotthard Fuchs oder Huub Oosterhuis, die gewiss mehr als «geistliche Stärkung» bieten. Gemeinsam geht es ihnen allen um die (Neu-) Erschließung der christlichen Theologie- und Spiritualitätstradition in Anknüpfung an Fragen, Hoffnungen und Sorgen der Menschen von heute.

Anders als die wissenschaftliche und lehramtliche hat die sapientiale Theologie daher geringe(re) Relevanzprobleme und grössere Chancen Resonanz zu finden, betont Englert. «Zumindest da, wo es ihr, wie im Falle Anselm Grüns, gelingt, christliche Kernbotschaften aus ihrer Verkapselung in eine theologische Binnensprache herauszuholen», vermag sie weit über den Kreis der Gemeindechristen hinaus religiös interessierte Menschen zu erreichen, ja, ihnen neu zu denken zu geben.

Mit Papst Franziskus zeigt die lehramtliche Theologie etwa in Evangelii gaudium (2013), Laudato si (2015) oder Amoris laetitia (2016) deutliche Übergänge zur weisheitlich-spirituellen, teilweise auch zur wissenschaftlichen Theologie, stellt Englert zu Recht heraus. Ebenso gab und gibt es Ansätze einer Verschränkung von Dogmatik und Lebenskunst, von Theologie und Biografie – etwa bei Gunda Schneider-Flume, Karl Rahner, Edward Schillebeeckx, Johann Baptist Metz oder Eva-Maria Faber.

Für Dorothee Sölle drücken sich Religion und Theologie gleichermassen im Erzählen und Dichten, Bekennen und Beten sowie Denken und Reflektieren aus – Jesus muss ein ungemein eindrücklicher Weisheitslehrer gewesen sein, ein der poetischen Sprache mächtiger Geschichtenerzähler und Lebensmeister in prophetischer Tradition, der Gleichnisse schuf, die Weltliteratur wurden.

 

Neue Aufmerksamkeit für Religiös-Spirituelles

Englert plädiert dafür, die Zwischenräume zwischen positivem Glauben und religionskritischer Bestreitung auszuloten. Nicht länger steht in der Gegenwart der Gegensatz zwischen säkularistischer Religionsvergleichgültigung und christlichem Gottesglauben im Vordergrund, sondern das, was sich zwischen diesen Polen ereignet. Aktuelle Beispiele aus der Gegenwartsliteratur verdeutlichen das.

Einer der interessantesten Vertreter neuer Nachdenklichkeit hinsichtlich Gott, Religion und Transzendenz ist der katholisch sozialisierte Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger (geb. 1929). Gegenüber der religionskritischen Zurückweisung des Gottesglaubens in den 1950er, 1960er Jahren fällt in seinen Gedichtbänden seit den 1990er Jahren eine überraschende Neuakzentuierung auf.

Neben vielfältigen Bezugnahmen auf das biblisch-theologische Sprach- und Motivreservoir ist jetzt vom Lob des Alltäglichen die Rede, vom kontemplativen Staunen über die Vielfalt und Komplexität der Natur, vom Rätselhaften, Staunenswerten und Wunderbaren von Ich und Welt – Ulrike Irrgang spricht zu Recht von «agnostischer Schöpfungsfrömmigkeit» bei Hans Magnus Enzensberger.

Erstaunlich genug: Mit Erfahrungen der Gratuité, von «Gnade» («auch so ein Fremdwort, selten zu hören») und Verdanktheit («das Beste nämlich fällt uns / umsonst in Schoss und Mund») wirft dieser «Metaphysiker einer negativen Theologie» (so Biograf Jörg Lau über Enzensberger) neu die Frage nach einer Schöpfungsinstanz auf, ohne diese transzendente Dimension benennend festzulegen.

 

Überliefertes auf neue Resonanzen hin abklopfen 

«Nimbus» (1995) ist ein erhellendes Beispiel, wie Enzensberger theologische Wendungen aufgreift und neu befragt. Gerade im Religiös-Spirituellen gibt es gewachsene Ausdrucksformen, die Einzelnen die Deutung ihrer Erfahrung erleichtern, ja, sie allererst ermöglichen, wie Englert zu Recht betont.

Ein religiöses Weltbild, dem ein Wort wie «Nimbus» zugehört, gehört der Vergangenheit an. Als Zitat aus dem Lexikon kommt die damit gemeinte «Gegenwart des Göttlichen im Irdischen» heute meist nicht mehr im eigenen, sondern fremdem Sprachgebrauch vor. Doch gerade weil es nicht mehr den Charakter unhinterfragter religiös-kultureller Selbstverständlichkeit aufweist, gibt es neu zu denken:

Auch eines von diesen Worten,

die sich davongemacht haben, lautlos.

«Nebelhülle der Götter auf Erden,

Strahlenglanz.»

 

Nur unter Meteorologen

fällt es noch, gelegentlich,

wenn tiefhängende Regenwolken

über die Chemiesteppe ziehen.

 

An solchen Tagen gehe ich gern

ins Museum, oder, im Hochsommer,

in eine Kirche, wo es kühl ist,

und betrachte ungläubig

 

die Heiligenscheine.

 

An besonderen Präsenz- und Gedächtnisorten wie Museen oder Kirchen begegnen Gegenbilder und Gegenentwürfe zur Gegenwartserfahrung der vom Menschen ins Werk gesetzten Umweltzerstörung, wie sie die zweite Strophe mit den «tiefhängenden Regenwolken» über der «Chemiesteppe» aufruft.

Als Cumulo-Nimbus bezeichnen Meteorologen die Gewitterwolke, die massive Schauer und Hagel, ja, im Zuge des Klimawandels immer häufiger Wirbelstürme, Fallböen und Tornados bringen kann.

Dagegen lebt es sich im kühlen «Strahlenglanz» der «Heiligenscheine» in der Kirche gewiss angenehmer. Zumindest vermag die Bilderwelt der Kirche betrachtendes Staunen auszulösen, die Wahrnehmung einer Spur, ja, die Ahnung eines «Mehr», das den transzendenzverriegelten Alltag aufzubrechen verspricht – wieweit sich dies tatsächlich einstellt, lässt Enzensberger in der Schwebe.

 

Staunen über das, was ist

In «Genügsame Metaphysik» (2013) wird ein Verständnis von Metaphysik stark gemacht, das sich von «Esoterik» abgrenzt, dem die Sinneserfahrung transzendierenden «Übersinnlichen» jedoch so sehr zugeneigt ist, dass es beim unscheinbaren und zugleich faszinierenden Laubfrosch ansetzt:

Esoterik: nicht nötig. Das Übersinnliche:

gern, aber lieber portofrei und ganz in der Nähe.

Der Laubfrosch zum Beispiel. Nicht aus Blech

ist er, sondern feucht und kühl. «Natürlich»,

sagt der Nobelpreisträger, «hervorgegangen

aus Keimbahn, Glibber und Kaulquappe»,

aber wie er da atmet, glotzt und hüpft

und, wie Stanley, der Dichter sagt, «viel zu laut

für seinen kleinen Leib quakt:

Irrelevant, irrelevant, irrelevant»,

das geht über Swedenborgs Hutschnur.

Mit Hilfe einer Zitatmontage stellt Enzensberger dem rein naturalistischen Blick auf die Welt, wie ihn der Nobelpreisträger vertritt, den dichterischen Blick auf den Laubfrosch entgegen. Zitiert wird aus dem Gedicht «Frog» des amerikanischen Schriftstellers Stanley Moss, den Enzensberger ins Deutsche übersetzt und bekannt gemacht hat. Das Wunder des Laubfroschs – in anderen Gedichten: des Menschen – übersteigt jedes Verstehen. «Nicht neben oder über der Natur, dem Gegebenen oder Diesseitigen ist das Wundersame zu finden, sondern im Gegebenen selbst», erläutert Ulrike Irrgang.

Metaphysischen Fragen wird hier nicht das Totenglöckchen geläutet, vielmehr wird ihnen ein neuer Bedeutungsraum erschlossen. Zielte Meta-physik traditionell auf das «hinter der sinnlich erfahrbaren Welt Liegende», betont Enzensberger eine wahrnehmungsbasierte, im Staunen gründende Meta-physik, die sich «genügsam» darauf konzentriert, das Wunderbare im sinnlich erfahrbaren Wirklichen zur Sprache zu bringen. Die Unterscheidung von «Diesseits» und «Jenseits» wird damit «irrelevant» – der lauthals quakende Frosch weist die Eindimensionalität rein naturalistischer Weltbetrachtung als genauso «irrelevant» zurück wie die esoterischen Jenseitsvisionen eines Emanuel Swedenborg.

 

Geliehene Worte für ein Darüberhinaus

Über sieben Wochentage von der Diagnose bis zum Spitaleintritt verbindet Ruth Schweikert (geb. 1965) in ihrem Krebstagebuch Tage wie Hunde (2019) das «diffuse Konglomerat aus Ängsten und Scham», das sie selbst erlebte, mit Sterbens- und Überlebenserzählungen Anderer. Angesichts ihrer deutlich wahrnehmbaren Reserve gegenüber konfektionierten religiösen Deutungen fällt umso mehr ins Gewicht, wie die Schweizer Schriftstellerin Transzendentes mithilfe spiritueller Poesie benennt.

Eindringlich schildert sie die «umgekehrte Geburt» des mit nur 19 Monaten verstorbenen Sohnes einer Freundin, der ihr jäh «die Fragilität der menschlichen Existenz vergegenwärtigte». Daraufhin hört sie an die Hundertmal das «so beseelte wie populäre Kirchenlied» Amazing Grace nach, das die Eltern für die Abdankung auswählten. Es besingt eine Gnade, die das Fürchten lehrt und doch von Ängsten erlöst. Eine staunen machende Gnade, die sich im «In-Acht-Nehmen» des Augenblicks offenbart, wie vom Barockdichter Andreas Gryphius verdichtet: «Der Augenblick ist mein // Und nehm ich den in acht // So ist der mein // Der Jahr und Ewigkeit gemacht.»

Die ihr wichtige «Aufmerksamkeit für das Fragile, Beiläufige, Nebensächliche; für das unerwartete Glück» verdeutlicht Schweikert am Ende mit Leonhard Cohens Anthem: «Da ist ein Riss in allem, das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt – durch feinste Haarrisse dringt es, das Licht, in die Dinge und macht ihre Kostbarkeit sichtbar». Ihren besonderen Wert erhalten sie gerade im Wissen um die Ungesichertheit menschlichen Daseins, im Innewerden «der eigenen Sterblichkeit»

Christoph Gellner

 

Rudolf Englert: Geht Religion auch ohne Theologie? Herder: Freiburg i. Br. 2020.

Ulrike Irrgang: «Das Wiederauftauchen einer verwehten Spur». Das religiöse Erbe im Werk Gianni Vattimos und Hans Magnus Enzensbergers, Grünewald: Ostfildern 2019.

Gedichte an der Schwelle zu Gott

 

«In einer Zeit, wo viele ihre Sprache für den Sinn des Lebens verlieren und in Kirche und Religionen unerbittlich um Deutungshoheit gerungen wird, bleibt Andreas Knapp ein Sprach- und Gottsucher, der weiss: Wer Gott begreifen will, vergreift sich.» So steht es in der Urkunde zum Herbert-Haag-Preis, der dem katholischen Priester und Poeten im März 2018 in Luzern verliehen wurde.

Der letzte Band mit «Naturgedichten» von 2017 «Beim Anblick eines Grashalms» unternahm eine ökospirituelle Ausweitung seines lyrischen Horizonts. Im Schlussessay «Natürlich suchen wir das Übernatürliche» führt Knapp dafür ein Predigtwort des Franziskaners Berthold von Regenburg (geboren um 1210) an: «Ihr sollt lesen am Himmel und auf der Erde. Das sind eure Bücher. Ihr sollt an der Erde lernen und an den Bäumen und an dem Korne und an den Blumen und an dem Grase.»

 

Mystagogisch sensible Sprach- und Gottsuche

Der im März 2020 erschienene neue Lyrikband schreibt die im poetischen Schaffen von Andreas Knapp seit Anfang an stark ausgeprägte Linie mystagogisch sensibler Sprach- und Gottsuche fort.

«gebrauchsanweisung fürs gebet» ist sprachlich und inhaltlich ein «typischer Knapp»:

 

wenn du beten willst

bring dich zum schweigen

keine höhenflüge der gedanken

tiefpflug ins innere erdreich

 

du brauchst den himmel nicht bestürmen

du rennst offene türen ein

 

du fürchtest gegen eine wand zu reden

doch die wände haben ohren

 

schütte dein herz ganz aus

leere wird fülle

 

«Die Leere bewusst zu wollen, um eine neue Fülle zu gewinnen, abräumen, um frei zu werden für neue, unverstellte Erfahrungen und eine unverbrauchte Sprache: das ist», so Karl-Josef Kuschel in seiner Luzerner Laudatio, «eine der charakteristischen Denkfiguren in den Texten des Andreas Knapp.»

 

 

Gefäß für die Sehnsucht nach Größerem

«Stille, in der nichts sein muss, absichtsloses Einfinden in der Gegenwart Gottes, das nicht von den Tages-to-do-Listen überformt ist»:  Dazu ermuntern Mirjam Schambeck und Elisabeth Wöhrle in ihrem zeitgleich erschienenen Büchlein «Im Innern barfuß. Auf der Suche nach alltagstauglichem Beten», der einen Seitenblick lohnt. «Wollte man Beten von Grund her beschreiben, könnte man sagen, dass Beten Lauschen ist […] Das Lauschen will nichts und es kehrt immer wieder ins Lauschen zurück. Es sucht nichts, auch Gott nicht, sondern schafft Raum, um gefunden zu werden von Gott.»

 

Inspiriert durch Gedichte und Texte von (Gott-) Sucherinnen und Suchern – neben Andreas Knapp zitieren sie inspirierende spirituelle Sprechversuche von Wilhelm Bruners, Kurt Marti, Lisa Oesterheld und Andrea Schwarz – betonen Mirjam Schambeck und Elisabeth Wöhrle, wie wichtig es ist, «Texte zu finden, die heute Gefäß für die Sehnsucht der Menschen nach Größerem, nach Gott sind.»

Auch sie unterstreichen die für Andreas Knapp so wichtige Umkehr der Gottsuche des Menschen durch die zuvorkommende Suchbewegung Gottes nach dem Menschen. Wobei Gott uns nicht im Vertrauten sucht, sondern gerade im Ungeborgenen: «das heisst, ihn nicht auf unsere vorgefertigten Schubladen festzulegen, sondern sich von Gott überraschen zu lassen». «Überall können wir von dir sagen: / hier!», zitieren Mirjam Schambeck und Elisabeth Wöhrle aus einem pointierten Gebetstext des kürzlich verstorbenen Dogmatikers Gottfried Bachl: «Niemals können wir sagen: / dort nicht!»

 

In der Spurweite des Evangeliums

Nach Abbruch einer steilen kirchlichen Karriere lebt Andreas Knapp heute als «Kleiner Bruder des Evangeliums» in einer Plattenbausiedlung am Rande Leipzigs und engagiert sich in der Gefängnis- und Schulseelsorge sowie der Flüchtlingsarbeit. Was seine geistliche Poesie unverwechselbar macht, ja, den jesuanischen Glutkern seiner Theologie & Biografie bildet, leuchtet in zwei neuen Texten auf:

 

wiedergeburt

 

schwerer und schmerzlicher

als das gepresstwerden

aus dem mutterschoß

 

die zweite abnabelung

kein muttersöhnchn mehr

auch nicht papas liebling

 

neu geboren nach innen

als des göttlichen

geistes kind

 

und solcher freiheit

kind zu sein heißt

kein kind mehr sein

 

 

 

geht mir nach

 

schuhgröße unbekannt

er ging barfuß

 

du musst dich nicht

in fremde stiefel zwängen

 

in seinen fußstapfen aber

leuchten göttliche spurenelemente

 

nur wenn du ihn von innen spürst

folgst du wirklich seinen spuren

 

 

 

Andreas Knapp: ganz knapp. Gedichte an der Schwelle zu Gott, Echter: Würzburg 2020.

Mirjam Schambeck/Elisabeth Wöhrle: Im Innern barfuß. Auf der Suche nach alltagstauglichem Beten, Echter: Würzburg 2020.

Poesie für alle Sinne

 

Sie gilt als «das größte Ereignis gesprochener Dichtung in der deutschen Sprache seit Ernst Jandl». Ihre Lyrik ist lebendige Literatur, Text und Vortrag gehören für sie eng zusammen. Ja, die Tochter des für seine konkrete Poesie bekannten Dichters Eugen Gomringer, die das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg leitet, «ist ganz Atem und Stimme, von der mitreißenden Litanei bis zur leise dahingeklimperten Bagatelle» (Robert Kudielka).

 

«Poesie für alle Sinne», pries Peter von Matt den Reichtum ihrer Gedichte. Zwischen 2001 und 2006, im Alter von Anfang bis Mitte 20, wurde Nora Gomringer als Spoken-Word-Artistin in der Poetry-Slam-Szene bekannt. Charakteristisch für ihre Poesie ist der auditiv-performative Charakter der Texte, auch ihrem neuen Lyrikband «Gottesanbieterin» ist eine CD mit eindrucksvollen Rezitationen aller Texte durch die Autorin beigegeben: «Bei mir ist das Lautlesen eines Textes nicht wegzudenken in seinem Entstehungsprozess», streicht sie in «Ich werde etwas mit der Sprache machen» heraus. «Alle Lyrik ist Mundwerk.»

 

Neue religiöse Unbefangenheit

«Ich bin Autorin und Christin und man liest es mir an», bekannte sie 2016 im Umfeld ihrer Poetikdozentur Literatur und Religion an der Universität Wien auf feinschwarz.net.

«Der Gott zwischen den Zeilen der Nora G.» lautete der programmatische Titel. «Es ist Aufgabe der Dichtung, die Sprache der Bibel, der Theologie in jeder Generation neu zu entdecken. Meine Religiosität war immer bestimmt von Ritus und Logos, nicht Ding und Gegenstand. Von daher: Sprache, Sprache, Sprache. Und Wunder(n)!»

 

In einem evangelischen Dorf in Oberfranken katholisch erzogen und als Ministrantin engagiert bis der Einspruch des Ortsbischofs Mädchen den Altardienst verunmöglichte, macht sie aus ihrer Nähe zur Religion kein Geheimnis: «Ja, ich kann sagen, ich glaube an Gott», gestand Nora Gomringer 2015 der deutschschweizerischen Zeitschrift «reformiert». »Als Künstlerin behaupte ich: Die Kreativität kommt von Gott.»

«Ich bin wirklich eine selbst gewählte, selbstgemachte Christin; war ich, bin ich und es wurde nie daran gerüttelt, und das begleitet mich», verdeutlichte sie anlässlich des Erscheinens ihres neuen Gedichtbands im Bayerischen Rundfunk.

«Vielleicht ist es jetzt mit 40 und vielen Rückfragen nach dem ‘wie hältst du’s mit der Religion’ Zeit für so einen Band.» Ihre Zusage, Mitglied des Plenums des Synodalen Weges der katholischen Kirche in Deutschland zu werden, kostete die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin zwei Freundschaften; über die erste Versammlung in Frankfurt berichtete sie jüngst in ihrer Kolumne im deutschschweizerischen «bref»-Magazin.

 

Gedicht und Gebet sind Geschwister

Der Titel des neuen Gedichtbands, dessen Buchcover Ameisen-Beinchen zieren, geht auf ein Erlebnis der 16-, 17-Jährigen zurück: im Garten ihrer US-amerikanischen Gastfamilie sah sie ein riesige Gottesanbeterin – englisch als betende Ameise, praying mantis, bezeichnet –, die sich da langsam bewegte: «Das war kontemplativ und hatte gar nichts zu tun mit diesem Männerverschlingenden. Die Haltung war Stolz und Demut.»

«Viele Gedichte können Gebete sein, aber nicht alle Gebete sind Gedichte», ist Nora Gomringer überzeugt. 2017 beteiligte sie sich mit Urs Faes, Judith Kuckart, Martina Hefter u.a. an dem Brevier des Kreuz Verlags «Frei und unverzagt. Gebete der Hoffnung». Schwerer tat sich ihr Hausverlag mit den für den neuen Lyrikband vorgesehenen Gebetstexten. Nora Gomringer hängte ein ganzes Jahr dran, in dem sie die Gebetstexte in Gedichte verwandelte, an zwei Texten lässt sich dies minutiös beobachten, mit dem Ergebnis ist sie sehr zufrieden.

Auf dem Buchrücken kann man/frau nun lesen: Die titelgebende Gottesanbeterin habe die Autorin «immer wieder zu Fragen an ihren Glauben und die Vielgestaltigkeit von Religion geführt, jenem ‘geschmacksverstärkenden, mal verträglichen, mal unverträglichen Glutamat des Seins’ […] Als Gottesanbieterin öffnet sie ihren ‘lyrischen Laden’ aus Angebot und Nochfragen, gibt Zeugnis und widmet sich Vielverehrten und Oftgescheuten.»

 

Gott und Toast

Nora Gomringers neue Gedichte überraschen durch die Vielfalt ganz unterschiedlicher Spiegelungen des Religiösen. Sie reichen von einer eindringlichen Vergegenwärtigung des Attentats auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» – «Wissen doch alle / die gehen zur Arbeit / dass sie darin umkommen können / in diesem Hier und Jetzt / wenn sie den Stift heben» – über eine treffsichere Bibelaktualisierung der Herbergssuche von Maria und Josef («Einseitiges Telefonat») bis zu einer schöpfungstheologisch pointierten Weiterschreibung des Avenidas-Gedichts ihres Vaters, das jüngst ins Fadenkreuz einer Sexismusdebatte geriet:

 

gott

gott und toast

 

toast

toast und butter

 

gott

gott und butter

 

gott und toast und butter und

 

ein manufactumkatalog

 

 

«Ist einer tot, geht er nicht mehr an sein Telefon. / Das ist ganz logisch und doch vollkommen übertrieben.» Sterben und Tod werden nicht nur im «Buch Tim» thematisiert, diesem kürzlich verstorbenen nahen Freund Nora Gomringers ist der Band gewidmet: «Das Vergessen hat die Zähne eines Haifischs. / Ich tipp dir leise: das Erinnern auch.» Theologisch heraufordernd wird Arvo Pärts «Stabat Mater» mit Ostererzählungssplittern fortgesponnen: «Das leere Grab war eine Beleidigung und ein Wunder.» Ein Text über die heilige Messe lässt den Gekreuzigten als «Kummerkasten aus Holz mit Schlitz» neu sehen, in den jede und jeder Sorgen und Nöte einwerfen kann: «Gut, dass hier alles gewandelt wird. / Werden Sorgen Gesänge.» Augenzwinkernd wird am Ende eine Christin wie Nora G. mit «Applaus» bedacht:

 

Ich bin die Christin,

die mal textsicher ist, die das Singen nach der Orgel aber meistens vertut.

Ich bin die Christin,

die im Leben, dem täglichen, das Brot verschmäht.

Ich bin die Christin,

die nach Kunst in der Kirche fragt.

Ich bin die Christin,

die durch die Riten die Rätsel annimmt.

Ich bin die Christin,

die bewundert, wenn einer aus einem Schrank steigt, der ihn eingesperrt hielt.

Ich bin die Christin,

die ernst macht mit der Liebe für den immer Nächsten.

 

 

Besonders gelungen finde ich das Gedicht «Des Architekten Zumthor Bruder-Klaus-Kapelle», das einen faszinierend geerdeten Transzendenzbezug erschliesst – durch den nach oben offenen, 12 m hohen, fensterlosen Kapellenturm teilt sich «das Heilige» eines spirituellen Himmels mit (i.S. von heaven statt sky):

 

gehst in die Eifel

gehst auf ein Feld

steht da ein Fels

ein Block, ein Werk

weißt nicht zu deuten

gehst nah heran

streckst deine Glieder

zu verstehen

 

ist da ein Einlass

ist innen das Dunkel

ist der Boden das Feld

ist dein Stehen ein Schwanken

tastet die Hand

raue Wände

teilt sich das Heilige

durch dein Betrachten

deinen Sinnen mit

 

wirst Teil eines Wandelns

wirst Teil eines Wunderns

wirst, wirst, wirst

 

weit

über dich hinaus

 

 

Nora Gomringer: Gottesanbieterin. Dresden und Leipzig 2020.

 
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